Bahnreise nach Bosnien — geht das?

Ein ehrlicher Erfahrungsbericht aus dem Zug zwischen Wien und Sarajevo

Autor: Tea Jurić

Mit dem Zug nach Bosnien — die kurze Antwort zuerst

Bosnien & Herzegowina ist per Bahn erreichbar. Es gibt eine direkte Zugverbindung von Wien über Zagreb nach Sarajevo — und sie fährt tatsächlich noch. Aber ich sage dir gleich, wie es wirklich ist: Das ist kein Hochgeschwindigkeitszug, keine komfortable Fernverbindung mit Bordbistro und reservierten Einzelsitzen. Es ist Balkan-Bahn. Langsam. Charmant. Manchmal nervig. Und wenn du dich darauf einlässt, eine der schönsten Arten, in diesem Land anzukommen.

Ich bin diese Strecke mehrfach gefahren — das erste Mal 2003, zuletzt im Herbst 2024. Jedes Mal war es anders. Jedes Mal war es richtig.

Die Hauptroute: Wien – Zagreb – Sarajevo

Die einzige direkte internationale Zugverbindung nach Sarajevo kommt aus Zagreb. Von Wien fährst du mit dem Nightjet (ÖBB) oder einem Tagesverbindung nach Zagreb, und von dort weiter mit dem bosnischen Zug nach Sarajevo. Die Gesamtstrecke Wien–Sarajevo beträgt rund 900 km und dauert je nach Anschluss zwischen 11 und 14 Stunden.

Die Teilstrecke Zagreb – Sarajevo

Der Zug Zagreb–Sarajevo fährt einmal täglich in jede Richtung. Abfahrt in Zagreb ist meist am frühen Morgen (ca. 8:00 Uhr), Ankunft in Sarajevo gegen 14:30–15:00 Uhr — offiziell. In der Praxis: Plane eine Stunde Puffer ein. Die Strecke ist ca. 450 km lang und führt durch das bosnische Hochland, durch die Neretva-Schlucht, entlang von Flüssen und durch Tunnel, die seit den 1970er Jahren kaum modernisiert wurden.

Das klingt nach Kritik. Ist es aber nicht. Denn genau diese Strecke gehört zu den landschaftlich eindrucksvollsten Bahnstrecken auf dem Balkan. Irgendwo zwischen Jablanica und Konjic, wenn der Zug sich langsam durch die Felsschlucht über dem Neretva-Stausee schiebt, verstehst du, warum manche Leute diese Verbindung immer wieder buchen — nicht trotz der Langsamkeit, sondern wegen ihr.

Preise und Buchung (Stand 2024/2025)

Strecke Preis (ca.) Dauer Buchung
Wien → Zagreb (Nightjet) 29–79 € (Sitzplatz/Liegewagen) ca. 6,5 h ÖBB.at, Railjet
Wien → Zagreb (Tagesverbindung) 19–49 € ca. 6 h ÖBB.at
Zagreb → Sarajevo 18–28 € (2. Klasse) ca. 7–8 h ŽFBH (bosnische Bahn) oder am Schalter
Gesamt Wien → Sarajevo ca. 50–100 € ca. 11–14 h Kombination beider Buchungen

Wichtig: Die bosnische Bahn (Željeznice Federacije BiH, ŽFBH) hat eine eigene Website, aber Online-Buchungen für internationale Strecken sind nicht immer zuverlässig. Ich empfehle, die Zagreb–Sarajevo-Strecke entweder am Schalter in Zagreb zu kaufen oder über Plattformen wie Railcc oder Seat61.com zu recherchieren — Mark Smith von The Man in Seat 61 hat dazu eine der besten englischsprachigen Übersichten.

Was dich im Zug wirklich erwartet

Auf dem Zagreb–Sarajevo-Abschnitt fährst du in älteren jugoslawischen Waggons. Klimaanlage ist vorhanden, funktioniert aber nicht immer zuverlässig im Hochsommer. Die Sitze sind bequem genug für sieben Stunden. Ein Speisewagen existiert manchmal — verlasse dich nicht drauf. Ich nehme immer eigenes Essen mit: frisches Brot aus Zagreb, etwas Käse, ein paar Äpfel.

Das Abteil teilst du oft mit Locals, die pendeln oder Verwandte besuchen. Mein letzter Mitreisender im Oktober 2024 war ein Rentner aus Zenica, der mir auf Bosnisch von seinen Enkeln erzählte, während wir gemeinsam durch die Neretva-Schlucht schauten. Kein Wort Deutsch, kein Wort Englisch — und trotzdem eines der schönsten Gespräche dieser Reise. Das ist Bahnfahren auf dem Balkan.

Pünktlichkeit — sei ehrlich zu dir selbst

Die Züge sind häufig unpünktlich. 30–60 Minuten Verspätung sind keine Ausnahme. Bei meiner Fahrt im Sommer 2022 hatten wir fast zwei Stunden Verzögerung wegen eines technischen Problems kurz vor Mostar. Das ist kein Einzelfall. Plane also keine engen Anschlüsse, keine Abendveranstaltungen am Ankunftstag, keine gebuchten Touren für den ersten Abend.

Wenn du das weißt und einkalkulierst — kein Problem. Wenn du Pünktlichkeit brauchst: Nimm den Bus oder das Flugzeug.

Alternative Routen: Gibt es andere Zugverbindungen?

Die kurze Antwort: Kaum. Bosnien hat ein sehr begrenztes internationales Bahnnetz. Es gibt keine direkte Verbindung aus Deutschland, der Schweiz oder Italien. Einige weitere Optionen im Überblick:

  • Budapest → Sarajevo: Möglich, aber mit mehrfachem Umstieg (Budapest–Zagreb oder Budapest–Beograd–Sarajevo). Reisezeit 12–16 Stunden, sehr umständlich.
  • Beograd → Sarajevo: Theoretisch möglich, aber die direkte Zugverbindung ist seit Jahren eingestellt. Aktuell nur per Bus oder mit Umstieg.
  • Split → Mostar (Kroatien): Diese Strecke existiert nicht mehr als reguläre Zugverbindung. Früher gab es sie — heute fährt man den Bus oder das Auto.
  • Innerhalb BiH: Es gibt Züge zwischen Sarajevo und Mostar (ca. 2,5 h, sehr schöne Strecke!) sowie Sarajevo–Zenica–Banja Luka.

Wer also von München, Frankfurt oder Zürich kommt, hat keine direkte Zugalternative. Der Weg führt immer über Wien oder Zagreb.

Der Zug Sarajevo–Mostar: Ein Geheimtipp für Inlandsreisen

Wenn du schon mit dem Zug reist, dann unbedingt auch innerhalb Bosniens. Die Strecke Sarajevo–Mostar ist eine der schönsten Zugstrecken Südosteuropas — und kaum jemand kennt sie.

Der Zug fährt durch die Neretva-Schlucht, über Viadukte, durch kurze Tunnel, vorbei an türkisfarbenen Stauseen. Die Fahrt dauert etwa 2 Stunden 30 Minuten, kostet rund 8–10 KM (ca. 4–5 €) und fährt mehrmals täglich. Ich habe diese Strecke im Frühling 2023 mit einer Gruppe Reisender aus den Niederlanden gemacht — alle waren sprachlos, als der Zug über den Viadukt bei Jablanica fuhr und unter uns der smaragdgrüne See lag.

Sitz auf der rechten Seite in Fahrtrichtung Mostar für die bessere Aussicht auf die Schlucht.

Praktische Infos auf einen Blick

Praktische Box: Bahnreise nach Sarajevo

  • Hauptroute: Wien → Zagreb → Sarajevo
  • Gesamtdauer: ca. 11–14 Stunden
  • Gesamtkosten: ca. 50–100 € (je nach Buchungsklasse und Vorlaufzeit)
  • Buchung Wien–Zagreb: ÖBB.at
  • Buchung Zagreb–Sarajevo: Am Schalter Zagreb Hauptbahnhof oder ŽFBH-Website
  • Gepäck: Keine Gewichtsbeschränkung im Zug, aber keine Gepäckaufbewahrung in Sarajevo Bahnhof (Stand 2024 — vor Ort prüfen)
  • Währung im Zug: Bosnische Bahn akzeptiert KM (Konvertibilna Marka), 1 € = 1,95583 KM
  • Bahnhof Sarajevo: Zentral gelegen, 10 Minuten Fußweg zur Baščaršija
  • Inlandsverbindung Sarajevo–Mostar: ca. 4–5 €, 2,5 h, mehrmals täglich
  • Pünktlichkeit: Plane 30–60 min Puffer ein

Lohnt sich die Bahnreise — oder doch lieber Fliegen?

Das kommt darauf an, was du suchst. Ich sage es direkt: Wer Zeit sparen will, fliegt. Sarajevo hat einen internationalen Flughafen (SJJ) mit Verbindungen nach Wien, Frankfurt, Istanbul und anderen Hubs. Flugzeit ab Wien: 75 Minuten.

Aber wer mit dem Zug kommt, kommt anders an. Du siehst das Land von innen. Du siehst die Landschaft wechseln — von den kroatischen Ebenen zu den bosnischen Hochlagen, von den breiten Tälern zu den engen Schluchten. Du sprichst mit Menschen, die du im Flugzeug nie treffen würdest.

Für Slow-Travel-Reisende, für alle, die den Weg als Teil der Reise verstehen: Die Bahn ist die richtige Wahl. Für alle anderen: kein Vorwurf, aber seid ehrlich mit euch selbst.

Ich persönlich kombiniere beides: Hinreise mit dem Zug (für die Ankunft im Rhythmus des Landes), Rückreise per Flug (wenn der Urlaub endet und die Realität wartet).

FAQ

Gibt es einen Direktzug von Deutschland nach Sarajevo?

Nein. Es gibt keine Direktverbindung aus Deutschland. Der schnellste Weg per Bahn führt über Wien (Nightjet) oder München–Wien, dann weiter nach Zagreb und von dort nach Sarajevo. Gesamtreisezeit ab München: ca. 14–17 Stunden.

Muss ich in Zagreb übernachten?

Nicht zwingend, aber es kann sinnvoll sein. Der Zug Zagreb–Sarajevo fährt morgens, der Nightjet aus Wien kommt früh in Zagreb an — der Anschluss ist knapp, aber machbar. Bei Verspätung des Nightjets riskierst du, den Anschlusszug zu verpassen. Eine Nacht in Zagreb als Puffer ist entspannter und Zagreb lohnt sich sowieso.

Kann ich das Ticket Zagreb–Sarajevo online kaufen?

Theoretisch ja, über die ŽFBH-Website. In der Praxis ist die Online-Buchung für internationale Strecken unzuverlässig. Empfehlenswert: Ticket am Schalter in Zagreb Hauptbahnhof kaufen, oder über Plattformen wie Railcc recherchieren und am Schalter bezahlen.

Ist der Zug sicher?

Ja, vollkommen. Die Züge sind alt, aber sicher. Kriminalität in bosnischen Zügen ist praktisch kein Thema. Behalte dein Gepäck im Blick wie überall sonst auch — das ist alles.

Welche Seite im Zug Sarajevo–Mostar hat die bessere Aussicht?

Rechte Seite in Fahrtrichtung Mostar. Dort siehst du die Neretva-Schlucht und die Stauseen am besten. Frühzeitig einsteigen und Fensterplatz sichern — der Zug ist manchmal gut gefüllt.

Gibt es WLAN im bosnischen Zug?

Nein, verlässliches WLAN gibt es nicht. Kaufe dir eine lokale SIM-Karte (BH Telecom Tourist: ca. 20 KM / 15 GB / 30 Tage) und nutze mobiles Daten. Die Netzabdeckung in den Schluchten ist allerdings lückenhaft — plane offline.

Mein Fazit nach unzähligen Fahrten

Ich bin diese Strecke zum ersten Mal als Studentin gefahren, mit einem abgegriffenen Rucksack und einem Notizbuch voller Adressen von Familienpensionen. Heute fahre ich sie, um Reisende zu begleiten, die ich mit den Menschen hinter diesen Landschaften bekannt machen will. Die Bahn hat sich in all diesen Jahren kaum verändert. Die Züge sind dieselben. Die Schluchten sind dieselben. Und das Gefühl, wenn Sarajevo langsam aus dem Tal auftaucht und die Minarette im Abenddunst stehen, ist immer noch dasselbe.

Bahnreisen nach Bosnien sind nicht perfekt. Aber sie sind ehrlich. Und das passt gut zu diesem Land.

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