Bosnien per Fahrrad — drei Wochen Slow durch BiH
Von Sarajevo bis Trebinje: Wie das Sattel-Tempo alles verändert
Autor: Frederik Jansen
Ich erinnere mich genau an den Moment, als mir das klar wurde. Es war im Sommer 2024, irgendwo zwischen Konjic und dem Bašćica-Tal. Ich schob mein Rad einen Schotterweg hinauf, der auf keiner App verzeichnet war, und ein alter Mann mit einer Sense auf der Schulter schaute mich an — nicht wie einen Touristen, sondern wie jemanden, der vielleicht hierher gehört. Er sagte nichts. Ich sagte nichts. Wir nickten. Das passiert dir im Auto nicht.
Bosnien und Herzegowina ist ein Land, das sich dem Tempo widersetzt. Die Straßen sind eng, die Pässe steil, die Dörfer still. Wer mit dem Fahrrad kommt, kommt auf Augenhöhe. Man riecht den Rauch der Feuerstellen, hört die Glocken der Schafherden, spürt den Kalkstein unter den Reifen. Das ist kein Romantisieren — das ist Physik. Langsamkeit erzeugt Wahrnehmung.
In meinen fünf Reisen durch BiH habe ich das Land zu Fuß, mit dem Mietwagen und einmal per Bus erkundet. Aber die drei Wochen auf dem Sattel — Mai bis Anfang Juni 2024 — haben alles davor überschrieben. Dieser Artikel ist mein Versuch, diese Route nachvollziehbar zu machen. Nicht als Anleitung zum Kopieren, sondern als Einladung zum Improvisieren.
Die Route: Grob geplant, offen für Abweichungen
Eine starre Tagesplanung macht bei einer Fahrradreise durch Bosnien wenig Sinn. Die Topografie lässt sich nicht verhandeln — das Dinarische Gebirge hat seinen eigenen Rhythmus. Meine Grundroute sah so aus:
- Sarajevo (Startpunkt, 2 Nächte Akklimatisierung)
- Konjic → Bašćica-Tal (Karsttal, Forellenrestaurant, erste Stille)
- Jablanica → Naturpark Blidinje (Hochebene 1.183 m, Stećci, Munika-Kiefern)
- Abstieg nach Mostar (Neretva-Tal, Stari Most, 3 Nächte)
- Blagaj → Počitelj → Stolac (Herzegowina-Dreieck, osmanisches Erbe)
- Trebinje (Endpunkt, Klosterwein, Mittelmeer-Luft)
Gesamtdistanz: ca. 680–720 km, je nach Umwegen. Höhenmeter: viele. Durchschnittliche Tagesetappe: 40–55 km, mit einzelnen kürzeren Tagen in den Bergen.
Wichtig: Die Route ist keine Rennstrecke. An manchen Tagen bin ich 20 Kilometer gefahren und habe drei Stunden fotografiert. Das gehört dazu.
Sarajevo: Ankommen und das Tempo finden
Sarajevo auf dem Fahrrad ist eine eigene Erfahrung. Die Stadt liegt in einem Talkessel auf etwa 500 Metern, umgeben von Bergen, die an klaren Tagen über 1.000 Meter erreichen. Das bedeutet: Wer in die Altstadt will, fährt bergab. Wer raus will, fährt bergauf. So einfach ist das.
Ich empfehle, mindestens zwei Nächte in Sarajevo zu verbringen, bevor die eigentliche Fahrradreise beginnt. Nicht als Tourist, sondern als jemand, der ankommen will. Die Baščaršija am frühen Morgen, wenn die Kupferschmiede noch geschlossen sind und der Sebilj-Brunnen im Morgenlicht steht — das ist ein anderes Sarajevo als das der Reisegruppen.
Das Fahrrad am besten in einer Pension in der Nähe des Bistrik-Viertels unterstellen. Die Gassen dort sind zu eng für Autos, perfekt für Räder. Ich habe mein Gepäck auf ein Minimum reduziert: Zwei Trikots, eine Regenjacke, Kamera, Schlafsack, Biwaksack. Wer Komfort will, bucht voraus. Wer Freiheit will, lässt Lücken.
„Sarajevo ist die einzige Stadt, in der ich morgens Kaffee trinke und dabei drei Gebetshäuser verschiedener Religionen sehe. Das ist keine Touristenbroschüre — das ist die Kreuzung der Miljacka-Straße beim Rathaus."
Etappe Konjic — Bašćica-Tal: Das erste echte Bosnien
Die Fahrt von Sarajevo nach Konjic folgt dem Neretva-Tal südwärts. Die Straße ist gut ausgebaut, der Verkehr hält sich in Grenzen, wenn man früh startet. Nach etwa 60 Kilometern erreicht man Konjic — eine Stadt, die für ihre Holzschnitzerei bekannt ist und für den Defilepass, der dahinter wartet.
Ich habe in Konjic eine Nacht in einer kleinen Pension verbracht und am nächsten Morgen den Abstecher ins Bašćica-Tal gemacht. Das Tal ist ein Geheimtipp, der es verdient, einer zu bleiben. Ein klarer Fluss, Forellen, die man durchs Wasser sieht, und das Restaurant Bašćica, das Peka-Gerichte auf Vorbestellung anbietet — Fleisch, Kartoffeln und Gemüse, die unter einer Ascheglocke über dem offenen Feuer garen. Man muss einen Tag vorher bestellen. Es lohnt sich.
Das Tal ist auch fotografisch außergewöhnlich. Das Licht fällt am Nachmittag schräg durch die Buchenwälder, und der Fluss reflektiert in einem Grün, das ich in keiner anderen Farbe beschreiben kann. Ich habe dort drei Stunden fotografiert und vergessen, dass ich eigentlich weiterfahren wollte.
Naturpark Blidinje: Hochebene, Stille und Stećci unter freiem Himmel
Der Anstieg nach Blidinje ist der härteste Teil der Route. Von Jablanica geht es über den Pass Sovičke Vrata (1.252 m) in den Naturpark hinein — 365 Quadratkilometer Hochebene, Karstgebirge und endemische Munika-Kiefern mit ihrer weißen Borke. Der Park wurde 1995 gegründet und ist noch immer wenig bekannt außerhalb von BiH.
Was mich dort am meisten bewegt hat, sind die Stećci. Diese mittelalterlichen Grabsteine stehen auf dem Dugo Polje in etwa 1.200 Metern Höhe — rund 150 Steine, manche mit Reliefs, die Jagdszenen oder Tänze zeigen. Seit 2016 sind sie UNESCO-Welterbe. Ich habe dort eine Stunde gesessen und niemanden getroffen. Das Čvrsnica-Massiv im Hintergrund, der Wind, die Steine. Kein Kommentar.
Praktische Infos für Blidinje:
- Lebensmittel vorher in Jablanica kaufen (Bingo Supermarkt) — im Park gibt es kaum Versorgung
- Restaurant Hajdučke Vrleti am See: Huhn mit Gorgonzola und Gnocchi — unerwartet gut auf 1.183 Metern
- Übernachtung: Kleine Pension am Blidinje-See, ca. 35–45 € pro Nacht (Stand 2024, vor Reise prüfen)
- Winterreifen-Pflicht 1. November bis 1. April — als Radfahrer im Frühjahr auf Restschnee auf den Pässen achten
Mostar: Die Brücke und was dahinter liegt
Der Abstieg nach Mostar durch das Neretva-Tal ist einer der schönsten Kilometer dieser Reise. Die Straße windet sich durch Kalksteinschluchten, und irgendwann öffnet sich das Tal und die Stadt liegt unten — mit dem Minarett der Karadjozbeg-Moschee und, wenn das Licht stimmt, dem Glänzen des Flusses.
Mostar ist touristisch. Das lässt sich nicht beschönigen. Im Sommer stehen hunderte Menschen auf der Stari Most und warten auf den Brückenspringer. Ich war Ende Mai dort — noch ruhiger, aber schon spürbar. Mein Tipp: Die Brücke zum Sonnenaufgang fotografieren, gegen 8 Uhr morgens. Dann ist die Altstadt fast leer, und das Licht fällt von Osten her auf den Kalkstein der Brücke in einem Ton, der sich nicht planen lässt.
Die Stari Most selbst ist beeindruckend — 24 Meter über der Neretva, 1566 von Hayruddin erbaut, 1993 zerstört, 2004 wiedereröffnet. Was mich mehr beeindruckt hat: Die Spuren des Krieges, die noch überall sichtbar sind. Einschusslöcher in Fassaden, der Sniper Tower als Ruine. Mostar ist keine postkartenhafte Altstadt — es ist eine Stadt, die noch immer mit ihrer Geschichte ringt.
Für die Fotografie empfehle ich das Minarett der Koski Mehmed Pascha Moschee (1617) — etwa 120 Stufen, und dann liegt die Stari Most unter einem, eingebettet in die Altstadt. Das ist die Perspektive, die man sucht.
Das Herzegowina-Dreieck: Blagaj, Počitelj, Stolac
Von Mostar aus lässt sich ein Dreieck fahren, das zu den dichtesten Kulturlandschaften Bosniens gehört. Ich habe dafür drei Tage eingeplant — und hätte gerne fünf gehabt.
Blagaj: Die Tekija und das türkisblaue Wasser
14 Kilometer südöstlich von Mostar liegt Blagaj. Das Derwischkloster Tekija (um 1520, Mevlevi-Sufi-Orden) steht direkt an der Buna-Quelle — einer der stärksten Karstquellen Europas mit durchschnittlich 43 Kubikmetern pro Sekunde. Das Wasser tritt unter einer Felsklippe hervor, türkisblau und kalt (auch im Juli nur 11°C), und das weiße Kloster steht darin wie ein Bild, das jemand erfunden hat.
Ich war morgens um halb acht dort. Kein Reisebus, kein geführter Tross. Nur ein Fischer, der sein Boot ablegte, und das Geräusch des Wassers. Mittags sieht das anders aus — dann kommen die Tagesausflügler aus Mostar, und die Stimmung kippt. Eintritt für die Tekija: 5 KM (ca. 2,50 €, Stand 2024).
Počitelj: Das Festungsdorf über der Neretva
30 Kilometer südlich von Mostar, direkt an der Magistralstraße M17, klebt Počitelj an einem Felsenhang. Das Dorf ist seit 1445 dokumentiert, osmanisch überformt, im Krieg beschädigt und heute teils renoviert, teils dem Verfall überlassen. Genau das macht es fotografisch so interessant.
Ich habe mein Rad unten an der M17 abgestellt und bin zu Fuß hinaufgestiegen. Die Gassen sind zu schmal für Räder, die Stufen zu steil. Oben: die Festung Gavrankapetanović, ein Hamam, eine Medrese, der Uhrturm. Und der Blick auf die Neretva, die unten glänzt wie Quecksilber.
Stolac: Der vergessene Ort mit dem größten Stećci-Feld
Stolac ist mein persönlicher Favorit auf dieser Route. Die Stadt liegt im Bregava-Tal, weit abseits der Haupttouristenströme, und hat eine Geschichte, die von der Prähistorie bis in den Bosnienkrieg reicht. Die Nekropola Radimlja mit 133 Stećci-Grabsteinen (UNESCO seit 2016) liegt am Stadtrand — ein Feld voller mittelalterlicher Grabsteine mit Reliefs, die Jagd, Tanz und Kampf zeigen.
Im Restaurant Old Mill (Stari Mlin, täglich 8–23 Uhr) habe ich meinen bisher besten Bosanski Lonac gegessen — den bosnischen Eintopf, der stundenlang gegart wird und nach allem schmeckt, was man in Bosnien liebt. Die Mühle steht direkt am Bregava-Fluss, das Wasser rauscht unter dem Tisch.
Cycling Route Ćiro: Die schönste Etappe der Reise
Die Cycling Route Ćiro ist das Herzstück jeder Fahrradreise durch die Herzegowina. Die Route folgt der alten k.u.k. Schmalspurbahntrasse von Mostar nach Trebinje — rund 160 Kilometer, sanftes Gefälle, etwa 20 Tunnel, kein motorisierter Verkehr. Die Strecke ist in drei bis fünf Etappen fahrbar, beste Zeit April bis Juni und September bis Oktober.
Ich bin die Ćiro in vier Tagen gefahren, mit Übernachtungen in kleinen Pensionen entlang der Strecke. Was diese Route auszeichnet: Man fährt durch Landschaften, die sich in den letzten hundert Jahren kaum verändert haben. Karstfelder, Weinberge, Olivenhaine. Manchmal ein Dorf, manchmal nichts außer dem Wind und dem Kalkstein.
Die Tunnel sind das Besondere. Manche sind 300, manche fast 800 Meter lang. Im Inneren ist es dunkel und kühl — eine gute Taschenlampe ist Pflicht. Das Licht am anderen Ende eines langen Tunnels ist eines der schönsten Bilder, die ich auf dieser Reise gemacht habe.
Trebinje: Ankommen am Ende der Welt
Trebinje ist das Ziel meiner Route — und gleichzeitig das Argument dafür, länger zu bleiben als geplant. Die südlichste Stadt Bosniens liegt nur 30 Kilometer von Dubrovnik entfernt, hat aber nichts von dessen Trubel. Mediterrane Luft, Platanen auf dem Stadtplatz, Wein vom Tvrdoš-Kloster.
Das Kloster Tvrdoš (4. Jahrhundert, orthodoxes Mönchsleben, eigenes Weingut) liegt vier Kilometer außerhalb der Stadt. Ich habe dort eine Flasche Vranac gekauft und sie am Abend auf der Terrasse meiner Pension getrunken, mit Blick auf die Trebišnjica. Das war der letzte Abend der Reise. Ich hätte noch eine Woche bleiben können.
Praktische Box: Fahrradreise BiH — die wichtigsten Zahlen
| Kategorie | Details |
|---|---|
| Beste Reisezeit | Mai–Juni und September–Oktober (Hitze im Juli/August problematisch) |
| Gesamtdistanz (Grundroute) | ca. 680–720 km (Sarajevo → Trebinje via Blidinje + Ćiro) |
| Tagesetappen | Ø 40–55 km, Bergpassagen 20–35 km |
| Fahrradtyp | Gravel oder Trekking — Rennrad für Schotterwege ungeeignet |
| Übernachtung | Kleine Pensionen 35–55 € / Nacht, Camping 10–15 € / Nacht |
| Währung | Konvertibilna Marka (KM), 1 € = 1,95583 KM (fest) |
| Bargeld | Ländlich fast ausschließlich Bargeld — vor Abfahrt eindecken |
| SIM-Karte | BH Telecom Tourist: 20 KM / 15 GB / 30 Tage (kein EU-Roaming) |
| Minen-Warnung | Wege NIE verlassen — BHMAC-Karte vor Reise konsultieren |
| Notruf | 112 (EU), Rettung 124, Polizei 122 |
Was ich anders machen würde — ehrliche Nachbetrachtung
Drei Dinge hätte ich anders gemacht. Erstens: Den Naturpark Blidinje mit zwei Nächten statt einer planen. Die Hochebene braucht Zeit, und ich habe das Čvrsnica-Massiv nur aus der Ferne gesehen, ohne einen der Gipfel zu besteigen.
Zweitens: Die Ćiro-Route in fünf statt vier Tagen fahren. Ich war zu ehrgeizig und habe dadurch einen Abschnitt zwischen Hutovo und Trebinje im Halbdunkel zurückgelegt — das war unnötig und hätte vermieden werden können.
Drittens: Mehr Peka-Gerichte bestellen. Das Fleisch unter der Ascheglocke, das einen Tag vorher bestellt werden muss — ich habe es nur einmal gegessen und denke noch heute daran.
Was ich nicht anders machen würde: Die Entscheidung, mit dem Fahrrad zu fahren. Bosnien öffnet sich dem Langsamen. Das ist keine Metapher — das ist Erfahrung.
Mein Fazit nach fünf Reisen und drei Wochen auf dem Sattel
Ich habe Bosnien mit dem Auto, zu Fuß, per Bus und auf dem Fahrrad erlebt. Das Fahrrad ist das ehrlichste dieser Mittel. Es zwingt zur Langsamkeit, macht Pausen unvermeidlich und bringt einen in Kontakt mit Menschen und Orten, die man im Auto nie gefunden hätte. Der alte Mann mit der Sense im Bašćica-Tal ist dafür das beste Beispiel.
Bosnien und Herzegowina ist kein einfaches Reiseland. Die Straßen sind nicht immer gut, die Beschilderung manchmal verwirrend, die Landschaft manchmal hart. Aber genau das ist der Grund, warum es sich lohnt. Wer Komfort sucht, fährt nach Dubrovnik. Wer Bosnien sucht, nimmt das Fahrrad.
Weitere Informationen zur Cycling Route Ćiro und offiziellen Radrouten in BiH bietet das Tourismus-Portal von Bosnien und Herzegowina. Informationen zu Minengebieten und sicheren Routen gibt die Bosnisch-Herzegowinische Minenaktionszentrum (BHMAC).
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