Bosnische Imker — eine fast vergessene Kunst
Zwischen Wildblumen und Wachsduft: Wie traditionelle Imkerei in BiH wiederentdeckt wird
Autor: Frederik Jansen
Ein Morgen, der alles erklärt
Es war kurz nach sechs Uhr früh, als Mustafa Hadžić mich rief. Ich schlief in seiner Pension oberhalb von Blidinje, der Hochebene, die im Sommer nach Thymian riecht und im Winter unter Schnee verschwindet. Mustafa stand schon im Garten, ohne Schutzanzug, mit einem alten Rauchgerät aus Blech in der Hand. Er nickte mir zu. Keine Erklärung nötig.
Wir gingen zu seinen Beuten — zwölf Holzkästen, aufgereiht an einer Steinmauer, die Moos angesetzt hatte. Die Sonne stand noch tief. Die Bienen flogen bereits. Mustafa öffnete einen Stock mit der Ruhe eines Menschen, der weiß, dass Hast hier nichts nützt. Er hob eine Wabe heraus, hielt sie gegen das Licht und sagte auf Bosnisch etwas, das ich erst später verstand: „Siehst du, wie sie bauen? Sie wissen, was kommt."
Das war mein erster echter Einblick in die bosnische Imkerei. Kein Museum, kein Schaufenster-Erlebnis. Ein alter Mann und seine Bienen, im Licht eines Junimorgens auf 1.200 Metern Höhe.
Was bosnische Imkerei historisch bedeutet
Die Imkerei in Bosnien und Herzegowina hat tiefe osmanische Wurzeln. Bereits im 16. und 17. Jahrhundert war Bienenwachs ein wichtiges Handelsgut auf den Karawanenwegen zwischen Sarajevo und der Adria. Wachs wurde für Kerzen in Moscheen und Kirchen gebraucht — eine der wenigen Rohstoffe, die Muslime, orthodoxe Christen und Katholiken gleichermaßen nachfragten.
Die traditionellen Bienenstöcke, die sogenannten Košnice aus ausgehöhltem Lindenholz, unterscheiden sich grundlegend von modernen Magazinbeuten. Sie sind zylindrisch, oft handgeschnitzt und folgen einer Logik, die sich über Jahrhunderte bewährt hat: Die Bienen bauen freier, der Honig kristallisiert langsamer, das Wachs bleibt reiner. Viele Imker in der Region bezeichnen diese Methode als pčelarstvo na stari način — Imkerei auf die alte Weise.
Doch diese Tradition stand lange vor dem Aus. In der sozialistischen Ära wurden Kollektivbetriebe bevorzugt, individuelle Kleinimker verdrängt. Der Krieg von 1992 bis 1995 tat sein Übriges: Viele Familien flohen, Bienenstöcke wurden nicht mehr gepflegt, Wissen ging verloren. Was heute noch existiert, verdankt sich oft einzelnen, hartnäckigen Familien — und einem wachsenden Interesse aus dem Ausland.
Der Karstblüten-Honig der Herzegowina — ein singuläres Produkt
Wer einmal herzegowinischen Karstblüten-Honig gegessen hat, versteht, warum er schwer zu ersetzen ist. Der Kalksteinkarst der Herzegowina — dieselbe Geologie, die Blagaj seine Buna-Quelle schenkt — trägt eine Wildkräuterflora, die in Mitteleuropa kaum noch vorkommt: Wilder Salbei (Salvia officinalis), Karstthymian (Thymus praecox), Karstminze, Lavendel in Halbwild-Beständen, Schwarzkümmel.
Der Honig, der daraus entsteht, ist dunkel, aromatisch, mit einer leichten Herbheit im Abgang. Kein Supermarkt-Honig. Eher ein Naturprodukt, das nach dem Ort schmeckt, an dem es entstanden ist — das, was Sommelier auf Wein bezogen als Terroir bezeichnen würden.
Mustafa verkaufte mir ein Glas für 8 Konvertibilna Marka (rund 4 Euro). Ich habe es nach Hamburg mitgenommen und monatelang rationiert. Wer direkt beim Imker kauft, zahlt zwischen 8 und 15 KM pro 250-Gramm-Glas — je nach Region und Honigart. Lindenhonig ist teurer, Karstblütenhonig günstiger, Propolis-Extrakte werden zunehmend als Naturheilmittel vermarktet.
Wo du bosnische Imker heute noch triffst
Die Konzentration traditioneller Imker liegt heute vor allem in drei Regionen:
- Blidinje-Hochebene (Westliche Herzegowina): Höhenlagen zwischen 1.100 und 1.500 m, Karstblüten-Honig, wenige Touristen. Anreise über Mostar oder Tomislavgrad.
- Počitelj und Stolac (Südliche Herzegowina): Wärmere Lagen, Lavendel- und Salbeihonig, teilweise direkte Vermarktung an Besucher der Altstadt.
- Umgebung Trebinje: Hier verbinden sich Imkerei und Weinbau — einige Familien produzieren beides. Das Tvrdoš-Kloster der Orthodoxen Kirche vertreibt neben Wein auch Klosterhonig.
In Lukomir, dem Bergdorf auf 1.469 Metern, das ich während meiner sechswöchigen Slow-Travel-Phase als Basisquartier nutzte, gab es zum Zeitpunkt meines Aufenthalts noch zwei aktive Imkerfamilien. Beide sprechen kein Englisch, aber ein Lächeln und ein paar Worte Bosnisch öffnen Türen, die sonst verschlossen bleiben. Für Besucher, die eine Lukomir-Wanderung buchen (z.B. über GetYourGuide ab 75 €), lohnt sich die Frage beim Guide: Fast immer gibt es einen Kontakt zu lokalen Produzenten.
Praktische Informationen für deinen Besuch
| Region | Honigart | Preis pro 250g | Beste Reisezeit |
|---|---|---|---|
| Blidinje-Hochebene | Karstblüte, Thymian | 8–12 KM (4–6 €) | Juni–September |
| Počitelj / Stolac | Salbei, Lavendel | 10–15 KM (5–8 €) | Mai–August |
| Trebinje | Klosterhonig, Wildblüte | 10–14 KM (5–7 €) | Mai–Oktober |
| Lukomir-Umgebung | Bergblüte, Linde | 8–15 KM (4–8 €) | Juni–August |
Hinweis: Direktkauf beim Imker ist immer günstiger und authentischer als im Souvenirladen. Frag in der Pension, in der du übernachtest — das Netzwerk funktioniert. Bargeld mitbringen, Kartenzahlung ist auf dem Land kaum möglich.
Die Bedrohung: Warum diese Kunst wirklich am Verschwinden ist
Ich wäre unehrlich, wenn ich das alles romantisch verkläre. Die bosnische traditionelle Imkerei stirbt. Nicht dramatisch und laut, sondern leise und kontinuierlich.
Das Problem ist generationaler Natur. Mustafas Söhne leben in Mostar und Sarajevo. Sie kommen im Sommer, helfen bei der Ernte — aber die Beuten selbst schnitzen? Den Schwarm lesen? Den Winter vorbereiten? Das wissen nur noch die Alten. Und die Alten werden weniger.
Dazu kommt der Druck moderner Imkerei: Magazinbeuten aus Plastik sind effizienter, die Ernte größer, die Arbeit geringer. Wer wirtschaftlich denken muss, wählt das Magazin. Die alten Lindenholz-Košnice sind arbeitsintensiv und weniger ergiebig. Ihr Wert liegt nicht im Volumen, sondern in der Qualität — und die lässt sich schwer in Zahlen fassen.
Erschwerend kommt hinzu, was BiH mit vielen ländlichen Regionen Europas teilt: Die Landflucht. Dörfer wie Blidinje verlieren jedes Jahrzehnt Bewohner. Wer bleibt, ist oft über 60. Das Wissen über Košnice-Bau, über die Lesung von Bienenverhalten im Karstklima, über die Heilpflanzen-Kombinationen für Propolis — es ist nicht aufgeschrieben. Es lebt in Menschen.
Was sich verändert — und warum das Hoffnung macht
Es gibt Gegenbewegungen. Kleine, aber echte.
Das Udruženje pčelara Hercegovina (Imkerverband Herzegowina) hat in den letzten Jahren begonnen, Workshops anzubieten und junge Rückkehrer zu unterstützen, die auf dem Land bleiben wollen. In Stolac gibt es seit 2022 ein kleines Imkerprojekt, das explizit auf die Wiederbelebung der Košnice-Methode setzt — mit Unterstützung eines EU-Förderprogramms für ländliche Entwicklung.
Auch der Tourismus hilft, wenn er richtig gemacht wird. Nicht die Busgruppe, die fünf Minuten schaut und weiterfährt. Sondern Reisende, die übernachten, kaufen, fragen, wiederkommen. Slow Travel in seiner reinsten Form. Wer bei einem Imker kauft, wer in der Familienpension schläft, die Imkerei-Produkte im Regal hat, wer nachfragt und zuhört — der trägt mehr bei als jede Subvention.
„Wenn jemand mein Honig kauft und fragt, wie ich es mache — dann weiß ich, es hat noch Wert. Dann erzähle ich es meinem Enkel auch."
— Mustafa Hadžić, Imker auf der Blidinje-Hochebene, Juni 2024
Fotografie und Imkerei — meine persönliche Verbindung
Als Reisefotograf interessiert mich an der Imkerei vor allem das Licht. Klingt seltsam, ich weiß. Aber die Momente rund um Bienenstöcke sind fotografisch außergewöhnlich: Das diffuse Morgenlicht durch Rauch. Die Transparenz einer Wabe gegen die Sonne. Die Konzentration in einem alten Gesicht über einem offenen Stock.
Für mein Buch Stille Berge — Bosnien in Bildern (Hatje Cantz, 2025) habe ich drei Tage bei einer Imkerfamilie in der Nähe von Blidinje verbracht. Kein einziges Bild entstand auf Kommando. Alles passierte in der Stille des Ablaufs. Das ist das Geheimnis dieser Fotografie: Du wartest, bis du vergessen wirst. Dann siehst du das Echte.
Wer Imker fotografieren möchte, sollte Folgendes beachten:
- Immer fragen, nie einfach draufhalten.
- Helle Kleidung tragen — Bienen reagieren auf dunkle Farben aggressiver.
- Kein Parfüm oder Aftershave — die Bienen orientieren sich an Gerüchen.
- Beste Lichtbedingungen: Früh morgens (6–9 Uhr) oder goldene Stunde abends.
- Ein Makro-Objektiv (100mm) für Waben-Nahaufnahmen, ein 85mm Portrait für die Menschen.
FAQ
Kann ich als Tourist an einer Imkerei-Führung in Bosnien teilnehmen?
Organisierte Imkerei-Touren sind in BiH noch selten. Am besten fragst du in ländlichen Pensionen in der Herzegowina direkt nach — viele Wirte haben Kontakte zu lokalen Imkern. In Trebinje und Blidinje gibt es gelegentlich Workshops über lokale Tourismusbüros. Alternativ bieten manche Slow-Travel-Anbieter individuelle Erlebnisse auf Anfrage an.
Welcher bosnische Honig ist der beste?
Das ist subjektiv, aber herzegowinischer Karstblüten-Honig gilt als besonders aromatisch und ist aufgrund der seltenen Wildkräuterflora des Kalksteinkarstgebiets einzigartig. Lindenhonig aus Berglagen (z.B. Blidinje) ist milder und heller. Klosterhonig aus Trebinje (Tvrdoš) ist gut zugänglich und von gleichbleibender Qualität.
Darf ich Honig aus Bosnien nach Deutschland einführen?
Ja. Honig aus Bosnien und Herzegowina darf für den persönlichen Bedarf in die EU eingeführt werden. Für kommerzielle Mengen gelten andere Regeln. Für den Reisebedarf sind bis zu 2 kg problemlos — am besten gut verpackt im Koffer transportieren.
Wann ist die beste Zeit, um Imker in BiH zu besuchen?
Die Haupthonigsaison liegt zwischen Mai und August, wenn die Karstblüten in voller Blüte stehen. Juni und Juli sind ideal: Die Bienen sind aktiv, die Ernte läuft, und du kannst den gesamten Prozess beobachten. Im Herbst gibt es oft noch Restbestände zu kaufen, aber keine aktive Imkerei mehr.
Wie finde ich authentische Imker abseits der touristischen Routen?
Der beste Weg ist das lokale Netzwerk: Frag in der Familienpension, im Dorfkaffee oder beim Markt. Viele Imker verkaufen ihren Honig nicht online — sie haben Stammkunden aus der Nachbarschaft und gelegentlich Reisende, die durch Empfehlung kommen. Ein paar Worte Bosnisch helfen enorm. Und: Kaufen zeigt echtes Interesse.
Ist traditionelle Imkerei in BiH nachhaltig?
Traditionelle Košnice-Imkerei ist in ihrer ursprünglichen Form sehr bienenschonend — keine Varroazid-Behandlungen in alten Methoden, keine Überernte. Allerdings fehlt es vielen Kleinstimkern an Ressourcen für moderne Bienenkrankheitsbekämpfung. Die Varroa-Milbe ist auch in BiH ein Problem. Wer nachhaltige Imkerei unterstützen möchte, sollte direkt beim Imker kaufen und nach Methoden fragen.
Mein Fazit nach fünf Reisen und sechs Wochen Herzegowina
Ich bin kein Imker. Ich werde keiner werden. Aber ich habe in diesem Morgen mit Mustafa auf der Blidinje-Hochebene etwas verstanden, das ich vorher nur theoretisch kannte: Dass Wissen, das nicht weitergegeben wird, stirbt. Nicht metaphorisch. Wirklich.
Die bosnische Imkerei ist kein Museumsstück. Sie ist lebendig — aber fragil. Sie braucht keine Mitleidsbekundungen und keine Förderprogramme allein. Sie braucht Menschen, die hinfahren, die kaufen, die fragen, die bleiben. Slow Travel ist hier keine Lifestyle-Entscheidung. Es ist eine Haltung, die etwas bewahrt.
Der Honig in meinem Hamburger Küchenschrank ist längst aufgebraucht. Aber der Morgen mit Mustafa — der Rauch, das Licht, die Stille zwischen den Bienen — der ist noch da. Das ist das Beste, was Reisen hinterlassen kann.
Frederik Jansen reist seit 2019 regelmäßig nach Bosnien und Herzegowina. Sein Fotoband „Stille Berge — Bosnien in Bildern" ist 2025 bei Hatje Cantz erschienen. Für diesen Artikel besuchte er im Juni 2024 mehrere Imkerfamilien in der Herzegowina während eines sechswöchigen Slow-Travel-Aufenthalts.
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