Bosnische Polster-Tradition: letzte Köflerei-Werkstätten
Wo Handwerk noch atmet — Besuch bei den letzten Meistern der bosnischen Polsterei
Autor: Tea Jurić
Was ist Köflerei — und warum verschwindet sie?
Der Begriff Köflerei klingt für deutschsprachige Ohren fremd, und das ist er auch. Er leitet sich vom bosnischen Wort köfler ab — dem Polsterer, der Kissen, Matratzen, Divane und Sitzpolster nach überlieferten Techniken herstellt. Im osmanischen Bosnien war der Köfler ein zentraler Handwerker jeder größeren Mahalle, jedes Stadtviertels. Er polsterte die niedrigen Sofas der Konaks, die Gebetskissen der Moscheen, die Brautaussteuer ganzer Familien.
Heute sind es noch vielleicht zwei Dutzend Menschen in ganz Bosnien-Herzegowina, die dieses Handwerk noch aktiv ausüben — und die meisten davon sind über sechzig. Ich habe in den letzten Jahren im Rahmen meiner Arbeit mit Familienpensionen in der Herzegowina systematisch nach ihnen gesucht. Was ich gefunden habe, war mehr als Handwerk: Es war eine gelebte Materialkunde, eine Körpererinnerung, die sich in keine App übersetzen lässt.
Die Werkstatt in Mostar: Hände, die Wolle kennen
Mein erster Besuch führte mich in eine enge Gasse hinter dem Kujundžiluk-Basar in Mostar. Ich hatte die Adresse von Amira, einer Pensionswirtin aus meinem Netzwerk, bekommen — sie ließ dort seit Jahren ihre Divane neu polstern. Die Werkstatt gehört Mehmed, einem Mann Ende fünfzig, der das Handwerk von seinem Vater gelernt hat, der es wiederum von seinem Großvater hatte.
Mehmed arbeitet mit Rohwolle aus der Region — vorwiegend von Pramenka-Schafen, einer bosnischen Landrasse, die auf den Hochebenen der Herzegowina weidet. Die Wolle wird von Hand gekämmt, mit einem traditionellen grebenac (Wollkamm), bis sie sich in gleichmäßige Schichten legen lässt. Dann folgt das Schichten, das Nähen, das Spannen des Bezugstoffes — alles ohne Maschinen, alles nach Augenmaß.
„Mein Vater hat mir gesagt: Eine gute Matratze muss atmen wie ein Mensch. Schaumstoff atmet nicht. Er schwitzt."
— Mehmed, Köfler in Mostar
Was Mehmed herstellt, ist keine Nostalgie-Imitation. Es sind funktionale Objekte, die in Pensionen, Privathäusern und gelegentlich in restaurierten Konaks landen. Seine Preise liegen deutlich über dem, was ein Möbelhaus verlangt — ein handgefertigter Diwan-Polster kostet bei ihm ab 150 KM (ca. 75 Euro), Stand 2025, je nach Größe und Material. Wer ihn besuchen möchte: Die Werkstatt liegt im Bereich der Altstadt Mostar, eine genaue Adresse lässt sich über lokale Pensionswirte erfragen — Mehmed hat kein Schild, kein Instagram, keine Webseite.
Osmanische Wurzeln: Was die Köflerei mit der Tekija verbindet
Um die Köflerei zu verstehen, muss man kurz zurückgehen. Im osmanischen Städtebau war das Handwerk streng in Zünften organisiert — den esnaf. Jede Zunft hatte ihre eigene Straße (daher Namen wie Kazandžiluk — die Kupferschmiede-Gasse in Mostar und Sarajevo), ihre eigene Schutzperson, ihre eigenen Regeln. Die Polsterer gehörten zu den handwerklich hochgeschätzten Zünften, weil ihre Produkte unmittelbar mit dem häuslichen Leben, mit Gastfreundschaft und mit religiöser Praxis verbunden waren.
Das Kissen auf dem man beim Gebet kniet, der Diwan auf dem man Gäste empfängt, die Schlafunterlage der Braut in ihrer ersten Nacht im neuen Haus — all das kam aus der Werkstatt des Köflers. Diese symbolische Aufladung ist nicht verschwunden. Mehrere Köfler, mit denen ich gesprochen habe, erzählten mir, dass sie immer noch Aufträge für Moschee-Gebetskissen bekommen. Die Kontinuität ist leiser geworden, aber sie existiert.
Wer sich tiefer mit der osmanischen Handwerksgeschichte Bosniens beschäftigen möchte, findet im Zemaljski muzej (Landesmuseum) in Sarajevo eine der besten ethnografischen Sammlungen der Region — inklusive historischer Textilwerkzeuge und Polsterobjekte aus dem 18. und 19. Jahrhundert.
Foča und Konjic: Zwei weitere Orte, ein anderes Tempo
Nicht nur in Mostar gibt es diese Werkstätten. In Konjic — bekannt für seine Holzschnitzerei, aber handwerklich viel breiter aufgestellt — traf ich 2023 eine Frau namens Fatima, die in ihrer Wohnung im Erdgeschoss Kissen für lokale Pensionen herstellt. Fatima ist keine ausgebildete Köflerin im klassischen Sinne; sie hat das Handwerk von ihrer Mutter gelernt, die es von ihrer Mutter hatte. Solche informellen Übertragungsketten sind in der Herzegowina nicht selten — und sie sind gleichzeitig das Zerbrechlichste an diesem Erbe.
In Foča, weiter östlich an der Drina, gibt es laut Auskunft des lokalen Kulturzentrums noch einen aktiven Polsterer, der auf traditionelle Methoden setzt. Ich habe ihn noch nicht persönlich besucht, aber er steht auf meiner Liste für 2025. Was mich dorthin zieht: Foča liegt am Rande des Sutjeska-Nationalparks, und die Kombination aus Natur und Handwerk ist genau das, wofür ich reise.
Was du brauchst, um eine Werkstatt zu besuchen
Köflerei-Werkstätten sind keine Tourismusattraktionen. Sie haben keine Öffnungszeiten im üblichen Sinne, keine Eintrittskarten, keine Audioguides. Was du brauchst, ist Geduld, ein bisschen Bosnisch oder zumindest Englisch, und am besten eine lokale Vermittlung — eine Pensionswirtin, ein Tourismusbüro in Mostar oder Konjic, jemand aus der Nachbarschaft.
Ich empfehle grundsätzlich, solche Besuche über kleine Pensionen zu organisieren. Viele der Wirte, mit denen ich zusammenarbeite, haben persönliche Kontakte zu lokalen Handwerkern. Das ist kein Zufall: Sie lassen ihre eigenen Möbel dort polstern, kaufen Kissen für die Gästezimmer, kennen die Familien seit Jahren. Dieser Kontext macht den Besuch zu etwas anderem als einem Museumsrundgang.
Praktische Informationen für den Besuch
| Ort | Kontakt-Weg | Beste Zeit | Hinweis |
|---|---|---|---|
| Mostar (Altstadt-Nähe) | Über lokale Pensionen / Tourismusbüro Mostar | Ganzjährig, Vormittag | Kein Schild, kein Web-Auftritt |
| Konjic | Über Holzschnitzerei-Kooperative Konjic | Frühjahr / Herbst | Oft kombinierbar mit Holzschnitzer-Besuch |
| Foča | Kulturzentrum Foča | Sommer / Herbst | Kombination mit Sutjeska NP sinnvoll |
Preise: Werkstattbesuche sind in der Regel kostenlos — es wird keine Eintrittskarte erwartet. Wer etwas kauft (Kissen, kleines Polster), zahlt direkt beim Handwerker. Kleine Mitbringsel (Kaffee, Süßigkeiten) sind als Geste willkommen, aber nicht erwartet. Währung: Bosnische Mark (KM), 1 Euro = 1,95583 KM (fester Kurs). Bargeld bevorzugt.
Warum dieses Handwerk nicht sterben darf — und wie Tourismus helfen kann
Ich bin Anthropologin, keine Romantikerin. Ich weiß, dass Handwerk stirbt, wenn es keinen Markt mehr gibt — und dass kein Artikel der Welt das aufhalten kann, wenn die wirtschaftlichen Bedingungen fehlen. Aber ich habe in den letzten Jahren auch etwas anderes beobachtet: Es gibt eine wachsende Gruppe von Reisenden, die bereit sind, für echte Handwerksprodukte echtes Geld zu zahlen. Nicht als Souvenir, sondern als Objekt mit Geschichte.
Ein handgefertigtes Wollkissen aus Mostar, polstert von Mehmed, mit Pramenka-Wolle aus der Herzegowina — das ist kein Kitsch. Das ist ein Objekt, das eine Produktionskette repräsentiert, die bis ins osmanische Bosnien zurückreicht. Und es ist praktisch: Es hält Jahrzehnte, es atmet, es riecht nach nichts Chemischem.
Die Pensionen in meinem Netzwerk haben begonnen, solche Objekte bewusst einzusetzen — nicht als Dekoration, sondern als Gesprächsanlass. Gäste fragen nach den Kissen, nach den Decken, nach den Polstern auf den Divanen. Und dann erzählen die Wirte. Und manchmal entsteht daraus ein Besuch in einer Werkstatt. Das ist Community-based Tourism in seiner reinsten Form: kein Programm, kein Ticket, nur ein Gespräch, das sich entfaltet.
Was ich nach all diesen Besuchen weiß
Ich habe in meiner Arbeit viele Handwerker kennengelernt — Töpfer in Visoko, Weber in Umoljani, Kupferschmiede in der Baščaršija. Aber die Köfler haben mich am meisten bewegt, weil ihr Handwerk so körperlich ist. Es ist nicht das Handwerk der Geste, des Ornaments, des sichtbaren Musters. Es ist das Handwerk des Inneren: Was man nicht sieht, aber fühlt. Was trägt, ohne dass man es bemerkt.
Als ich das letzte Mal in Mehmeds Werkstatt war — es war ein Dienstagvormittag im Oktober 2024, die Gasse roch nach Herbstregen und Wolle — saß er auf einem niedrigen Hocker und klopfte mit einem Holzhammer auf einen Polsterrahmen. Er hat nicht aufgehört, als ich reinkam. Er hat nur kurz hochgeschaut und genickt. Das war genug.
Mein Fazit nach mehr als drei Jahrzehnten Reisen durch Bosnien-Herzegowina: Die interessantesten Dinge passieren nicht an den Sehenswürdigkeiten. Sie passieren in den Werkstätten, Küchen und Ställen dahinter. Die Köflerei ist ein Beispiel dafür — still, unspektakulär, und tiefer als alles, was ein Hochglanzreiseführer je beschreiben könnte. Wer sie sucht, findet sie noch. Aber nicht mehr lange, wenn wir nicht hinschauen.