Imker am Trebišnjica-Fluss — ein Tag mit dem Honigmann
Slow Travel in Trebinje: Wie herzegowinischer Honig entsteht — und warum er anders schmeckt
Autor: Frederik Jansen
Am frühen Morgen riecht das Ufer der Trebišnjica nach Thymian und nassem Stein. Dragoljub, den alle nur Drago nennen, öffnet seinen ersten Bienenstock des Tages — ruhig, ohne Eile, als würde er eine alte Tür aufschließen. Ein Tag mit dem Imker von Trebinje ist kein Ausflug. Es ist eine Lektion in Langsamkeit. Und der Honig, der dabei entsteht, schmeckt nach nichts, das ich je in einem Supermarkt gefunden habe.
Trebinje und das stille Wasser — warum dieser Ort
Trebinje ist die südlichste Stadt Bosnien-Herzegowinas, eingeklemmt ins Dreiländereck zwischen Kroatien und Montenegro, nur dreißig Kilometer von Dubrovnik entfernt. Wer einmal beide Städte an einem Tag besucht hat, versteht den Unterschied sofort: Dubrovnik ist laut geworden, Trebinje ist still geblieben. Das ist kein Zufall — es ist Geografie, Geschichte und eine Art kollektiver Entscheidung, die ich nicht ganz erklären kann, aber deutlich spüre.
Die Trebišnjica ist Herzegowinas längster Karstfluss. Er verschwindet mehrfach im Untergrund, taucht wieder auf, speist Seen und Felder. Entlang seiner Ufer wächst das, was Dragos Bienen brauchen: Salbei, Thymian, Lavendel, Robinie. Die Kalksteinkarstlandschaft rund um Trebinje ist eine natürliche Apotheke — und das schmeckt man im Honig.
Ich war im Mai 2024 hier, auf der Rückreise von meinen sechs Wochen in Herzegowina. Jemand in der Pension hatte mir Dragos Namen genannt. Kein Schild, keine Website, keine Buchungsplattform. Nur ein Name und eine ungefähre Adresse am Fluss.
Der erste Kontakt — bosnische Gastfreundschaft als Türöffner
Drago ist Mitte sechzig, breite Hände, langsame Bewegungen. Er empfängt mich auf seiner Terrasse mit Bosanska Kafa — dem kleinen Kupferkännchen, dem Würfelzucker, dem Schweigen. Ich habe gelernt, diese Einladung nie abzulehnen. In Bosnien ist der erste Kaffee kein Getränk, er ist ein Versprechen: Ich nehme mir Zeit für dich.
Wir sitzen vielleicht zwanzig Minuten, bevor ein Wort über Bienen fällt. Er fragt, woher ich komme. Ob ich Familien habe. Ob Hamburg kalt ist. Dann, fast beiläufig: „Willst du die Stöcke sehen?"
Drago betreibt seine Imkerei als Nebenerwerbsbetrieb — rund achtzig Bienenvölker, verteilt auf drei Standorte entlang der Trebišnjica und in den Hügeln oberhalb der Stadt. Er hat das Handwerk von seinem Vater gelernt, der es von seinem Vater hatte. Imkerei in Herzegowina ist Familientradition, keine Lifestyle-Entscheidung.
Bienenstöcke im Karst — was herzegowinischer Honig besonders macht
Der erste Standort liegt auf einem schmalen Plateau über dem Fluss. Zwölf weiß gestrichene Holzkästen, nach Süden ausgerichtet, vor einem alten Olivenbaum. Drago zieht den Schleier über den Kopf, gibt mir einen zweiten. Keine Handschuhe — er braucht keine, sagt er. „Die Bienen kennen mich."
Was mich sofort überrascht: die Ruhe. Ich hatte Imkerei immer mit einem gewissen Summen und Nervosität verbunden. Aber Drago öffnet die Beuten mit einer Gelassenheit, die sich überträgt. Er zeigt mir die Waben, erklärt die Farbe des Honigs — dunkelgold, fast bernsteinfarben — und nennt die Trachtpflanzen, die dafür verantwortlich sind.
Herzegowinischer Honig aus der Trebinje-Region hat eine botanische Besonderheit: Die Kalksteinkarstlandschaft erlaubt kaum intensive Landwirtschaft. Das bedeutet: keine Pestizide, keine Monokulturen, kein Raps-Einerlei. Die Bienen fliegen auf Wildpflanzen — Thymian (Thymus serpyllum), Salbei (Salvia officinalis), Robinie (Robinia pseudoacacia) und die herzegowinische Steinrose (Cistus). Das Ergebnis ist ein polyfloraler Honig mit einer Komplexität, die mich an gute Naturweine erinnert: Es steckt ein Ort darin.
„Der Honig ist nicht von mir", sagt Drago, während er eine Wabe ins Licht hält. „Der Honig ist von hier. Ich pass nur auf."
Der Arbeitstag eines Imkers — was wirklich passiert
Slow Travel bedeutet manchmal, zuzuschauen und zu warten. An diesem Morgen begleite ich Drago bei der Kontrolle von drei Völkern. Er prüft jede Wabe auf Brut, Königin, Honigvorrat. Erklärt mir, woran er erkennt, ob ein Volk gesund ist — die Farbe der Brut, das Verhalten der Wächterbienen, der Geruch des Stocks.
Gegen Mittag fahren wir mit seinem alten Lada Niva zu einem zweiten Standort, höher in den Hügeln, mit Blick auf das Tvrdoš-Kloster. Hier stehen die Stöcke unter Robinien — der Robinienhonig ist Dragos meistverkaufter, hell und mild, mit einem langen Abgang. Er schleudert ihn im Juli, wenn die Blüte vorbei ist.
Die Schleuder steht in einem kleinen Schuppen neben seinem Haus — ein einfaches Handgerät, Edelstahl, zwanzig Jahre alt. Drago braucht keine Industrie-Ausrüstung. Er produziert zwischen 400 und 600 Kilogramm Honig pro Jahr, verkauft ihn direkt — an Nachbarn, an Stammkunden in Trebinje, an gelegentliche Reisende wie mich.
Praktische Informationen für deinen Besuch
| Detail | Information |
|---|---|
| Standort | Ufer der Trebišnjica, ca. 3 km westlich der Trebinje-Altstadt |
| Kontakt | Über lokale Pensionen in Trebinje erfragen (kein Onlineauftritt) |
| Beste Reisezeit | April–Juni (Frühjahrstracht, Robinienblüte) und September (Herbsthonig) |
| Honigpreise (ca.) | 8–15 KM pro 500g (ca. 4–8 €, Stand 2024 — vor Reise prüfen) |
| Anreise Trebinje | Ca. 30 km von Dubrovnik, 2,5 Std. ab Mostar, kein Direktzug |
| Übernachtung | Kleine Pensionen in Trebinje, 35–55 € pro Nacht (Stand 2024) |
| Kombinierbar mit | Tvrdoš-Kloster (Weingut), Arslanagić-Brücke, Altstadt Trebinje |
Trebinje jenseits der Imkerei — was die Stadt noch zu bieten hat
Trebinje ist eine Stadt, die man nicht in drei Stunden abarbeiten kann. Die Altstadt hat jene Qualität, die ich in Mostar manchmal vermisse: Sie ist noch für die Einheimischen gebaut. Breite Plätze, Platanen, Cafés wo Männer Schach spielen und niemand für ein Foto posiert.
Das Tvrdoš-Kloster, vier Kilometer außerhalb, ist eines der ältesten orthodoxen Klöster der Region — die Mönche bauen Wein an, der unter dem Label Vukoje und direkt über das Kloster verkauft wird. Der Tvrdoš-Rotwein aus der autochthonen Sorte Vranac ist kräftig, dunkel, mit einem Gerbstoff der an Stein erinnert. Passend zur Landschaft.
Oberhalb der Stadt thront die Hercegovačka Gračanica, eine orthodoxe Kirche aus dem Jahr 2000, errichtet zu Ehren des Dichters Jovan Dučić. Von dort oben sieht man die gesamte Ebene, den Fluss, die Hügel dahinter. Es ist einer jener Aussichtspunkte, die keine Touristen-Infrastruktur brauchen — nur Zeit.
Was ich mit nach Hause nehme — über Honig und Langsamkeit
Am Nachmittag sitze ich wieder auf Dragos Terrasse. Er hat eine Scheibe Brot mit seinem Thymian-Honig gebracht, dazu einen kleinen Rakija — selbst gebrannt, Pflaume, klar wie Wasser. Wir reden kaum. Die Trebišnjica glitzert unten im Licht.
Ich habe in meinen fünf Reisen durch Bosnien-Herzegowina gelernt, dass die besten Begegnungen nie geplant sind. Sie entstehen, wenn man langsam genug ist, um sie zu bemerken. Drago hat mir an diesem Tag nichts Spektakuläres gezeigt. Er hat mir gezeigt, wie ein Mensch arbeitet, der seinen Beruf liebt und seinen Ort kennt. Das ist, in meinen Augen, die ehrlichste Form von Tourismus.
Den Honig — zwei Gläser Robinie, eines Thymian — habe ich in Hamburg aufgebraucht. Langsam, mit Bedacht. Jedes Mal ein kleiner Rückruf an den Fluss, den Stein, die Stille.
Mein Fazit nach fünf Reisen und sechs Wochen Herzegowina
Trebinje ist für viele Reisende ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Dubrovnik. Das ist ein Fehler. Die Stadt und ihre Umgebung — der Fluss, die Klöster, die Imker, die Weinberge — haben eine Qualität, die man nur entdeckt, wenn man bleibt. Mindestens zwei Nächte, besser drei. Früh aufstehen, langsam frühstücken, einen lokalen Kontakt suchen.
Der Honig von Drago ist kein Souvenir. Er ist ein Argument für Slow Travel: Wer sich Zeit nimmt, bekommt Dinge, die kein Reiseführer auflistet.
Frederik Jansen ist Reisefotograf und Autor, zuletzt erschienen: „Stille Berge — Bosnien in Bildern" (Hatje Cantz, 2025). Er hat Herzegowina in fünf Reisen bereist, zuletzt 2025.