Mit dem Fahrrad durch die Herzegowina

Langsam reisen, tief ankommen — Radtouren zwischen Karst, Weinbergen und Flussschluchten

Autor: Tea Jurić

Warum das Fahrrad die ehrlichste Art ist, die Herzegowina zu erleben

Wer einmal mit dem Auto durch die Herzegowina gefahren ist, kennt das Gefühl: Du schaust durch die Windschutzscheibe auf Kalksteinfelsen, Weinberge und das tiefe Blau der Neretva — und bist schon vorbei, bevor du wirklich hingeschaut hast. Das Fahrrad zwingt dich zu etwas, das wir verlernt haben: echtes Tempo rausnehmen.

Ich lebe seit über zwanzig Jahren in Mostar und arbeite mit 35 Familienpensionen in der Region zusammen. Wenn ich Gästen sage, dass die schönsten Momente auf dem Rad passieren — nicht in einer Sehenswürdigkeit, nicht in einem Restaurant, sondern irgendwo auf einer Schotterstraße zwischen Čapljina und Stolac, wo ein alter Mann aus seinem Garten winkt — dann glaube ich das nicht nur. Ich habe es selbst hundert Mal erlebt.

Die Herzegowina ist für Radreisen nahezu ideal: Die Landschaft ist abwechslungsreich, die Entfernungen zwischen Orten menschlich, und das Straßennetz auf dem Land ist so dünn besiedelt, dass du auf Nebenstraßen kilometerweit keinem Auto begegnest. Der Kalksteinkarst, der die Region prägt, sorgt für eine Landschaft, die sich stündlich verändert — von trockenen Hochflächen mit Steineichen zu plötzlichen Flussschluchten mit türkisem Wasser.

Die beste Jahreszeit für Radtouren in der Herzegowina

Lass mich ehrlich sein: Im Juli und August ist es in der Herzegowina heiß. Richtig heiß. Mostar gehört zu den heißesten Städten des gesamten Balkans — 38, manchmal 40 Grad Celsius sind im Hochsommer keine Seltenheit. Wer dann auf dem Rad sitzt, kämpft nicht gegen Steigungen, sondern gegen die Sonne.

Die optimale Radreise-Saison in der Herzegowina liegt klar in:

  • April bis Mitte Juni: Wildblumen auf den Karstflächen, Wasserführung der Neretva und Buna auf Höchststand, angenehme 20–26°C tagsüber. Mein absoluter Favorit.
  • September und Oktober: Die Weinlese beginnt, die Luft kühlt ab, die Touristenströme in Mostar werden dünner. Wunderschöne Lichtstimmungen am Nachmittag.
  • November bis März: Für Hartgesottene möglich, aber die Hochflächen können kalt und windig sein. Einige Pensionen haben geschlossen.

Wer im Sommer unbedingt fahren möchte: Früh starten — spätestens um 7:00 Uhr — und gegen Mittag Pause machen. Die Herzegowina schläft sowieso zwischen 13:00 und 16:00 Uhr.

Meine Lieblingsroute: Mostar – Blagaj – Počitelj (45 km, leicht bis mittel)

Diese Strecke fahre ich mit Gästen am häufigsten — und sie ist jedes Mal anders, weil die Menschen entlang des Weges immer andere Geschichten haben.

Start ist in Mostar, am besten am frühen Morgen, wenn der Stari Most noch im Gegenlicht liegt und die Touristengruppen noch schlafen. Vom Stadtzentrum aus folgt man dem Buna-Fluss Richtung Süden — die Straße nach Blagaj ist flach, gut geteert und führt durch Gemüsegärten und kleine Höfe.

In Blagaj wartet die Tekija, das Mevlevi-Derwischkloster aus dem 17. Jahrhundert, direkt an der Buna-Quelle. Eines der größten Karst-Quellsysteme Europas — das Wasser schießt mit bis zu 43 Kubikmeter pro Sekunde aus dem Fels, tiefblau und eiskalt. Eintritt: 5 KM. Ich empfehle, das Fahrrad am Parkplatz zu lassen und zu Fuß durch die Altgasse zu gehen. Dort, im Restaurant Vrelo direkt am Wasser, trinkt man Kaffee mit Blick auf die Quelle — und vergisst die Zeit.

Von Blagaj weiter Richtung Süden nach Počitelj: Das ist die anspruchsvollste Passage der Tour, weil man kurz auf die Hauptstraße muss. Etwa 3 Kilometer, dann biegt man ab. Počitelj ist eine osmanische Festungsstadt aus dem 15. Jahrhundert, die sich wie eine Kulisse an einen Felsabhang schmiegt — Moschee, Kula (Wehrturm), enge Treppengassen aus weißem Stein. Im Sommer ist es ein Kunstzentrum; im Frühjahr gehört es fast dir allein.

„Als ich 2023 mit einer Gruppe von sechs Gästen aus Deutschland durch Počitelj fuhr, blieb eine Frau einfach stehen und sagte: Ich dachte, sowas gibt es nur in Büchern. Das ist der Moment, für den ich diesen Job mache."

Praktische Infos zur Mostar–Počitelj-Route

Detail Info
Streckenlänge ca. 45 km (einfache Strecke)
Höhenmeter ca. 280 m gesamt (wenig)
Schwierigkeit Leicht bis mittel — für Gelegenheitsfahrer geeignet
Fahrzeit 3–5 Stunden (ohne Stopps)
Rückweg Bus oder Taxi zurück nach Mostar (~15 € für Fahrrad + Person)
Fahrrad mieten Mostar Hostel Miran, Bulevar bb; ca. 15–20 € pro Tag
Einkehr unterwegs Blagaj: Restaurant Vrelo, Počitelj: kleines Café im Dorf

Die stille Route: Neretva-Tal zwischen Čapljina und Metković (Grenze)

Diese Strecke kenne ich kaum aus Reiseführern — ich habe sie durch Zufall entdeckt, als ich 2021 mit Amira, einer Imkerin aus Čapljina, eine Lieferung Herzegowinischen Honig zu einem Familienbetrieb in Metković begleitet habe. Wir fuhren auf dem alten Trampelpfad entlang des Neretva-Deltas — und ich verstand sofort, warum das Delta unter Naturschutz steht.

Das Neretva-Delta ist eines der letzten großen Feuchtgebiete der Adria-Küste. Wer auf dem Fahrrad durch die flachen Kanäle und Felder fährt, begegnet Reihern, Kormoranen, Fischottern — und Bauern, die auf Booten ihre Felder bewässern. Es ist kein Fahrradweg im klassischen Sinne. Es ist ein Feldweg. Und genau das macht es so wertvoll.

Wichtig zu wissen: Der Abschnitt zwischen Čapljina und der kroatischen Grenze bei Metković ist flach und gut befahrbar, aber GPS ist Pflicht — die Wege verzweigen sich ohne Beschilderung. Ich empfehle die OSM-Karten (OpenStreetMap) über die App OsmAnd, die auch offline funktioniert.

Trebinje — der unterschätzte Endpunkt jeder Radreise

Trebinje ist die südlichste Stadt Bosnien-Herzegowinas, nur 30 Kilometer von Dubrovnik entfernt — und trotzdem so anders. Hier wächst Wein. Hier stehen Platanen auf dem Hauptplatz, unter denen alte Männer Schach spielen. Hier kauft man auf dem Markt Granatäpfel und Feigen.

Wer von Mostar aus in mehreren Tagen bis Trebinje fahren möchte, hat eine der schönsten Mehrtages-Radrouten der Region vor sich: etwa 120 Kilometer, verteilt auf 3–4 Tage, mit Übernachtungen in kleinen Pensionen entlang der Strecke. Die Route führt durch das Popovo Polje — eine karstische Senke, die im Winter teilweise überschwemmt wird und im Sommer wie eine endlose Ebene aus Weinreben und Steinmauern wirkt.

In Trebinje empfehle ich das Tvrdoš-Kloster (orthodoxes Kloster mit eigener Weinproduktion, Weißwein Žilavka und Rotwein Blatina — Verkostung möglich) und die Altstadt am Trebišnjica-Fluss. Übernachten: Pension Platani, direkt am Hauptplatz, Doppelzimmer ab ca. 40 €.

Fahrrad und Gepäck: Was du wirklich brauchst

Ich sehe immer wieder Gäste ankommen mit vollgepackten Fahrradtaschen, Campingausrüstung, Ersatzteilen für alle Eventualitäten. Mein ehrlicher Rat: Weniger ist mehr. Die Herzegowina hat kein dichtes Fahrradservice-Netz — aber die Menschen sind hilfsbereit wie kaum irgendwo sonst. Ich hatte einmal einen Platten in einem Dorf ohne Namen zwischen Stolac und Ljubinje. Innerhalb von zehn Minuten hatte mir ein Schäfer seinen Flicken-Kit gegeben und Kaffee gekocht.

  • Fahrradtyp: Trekkingrad oder Gravelbike — kein Rennrad. Die Schotterwege in der Herzegowina sind schön, aber rau.
  • Gepäck: Maximal 10 kg. Zwei Packtaschen hinten, eine kleine Lenkertasche.
  • Wasser: Immer mindestens 2 Liter dabei. Zwischen manchen Dörfern gibt es keine Einkaufsmöglichkeit.
  • Flickzeug: Schlauch, Reifenheber, Pumpe — das Minimum.
  • Sonnenschutz: LSF 50+. Kein Scherz. Der Kalkstein reflektiert die Sonne zusätzlich.
  • Bargeld: Auf dem Land wird Karte kaum akzeptiert. Immer KM dabei haben.

Familienpensionen entlang der Route — meine persönlichen Empfehlungen

Ich arbeite mit 35 Pensionen in der Herzegowina zusammen und kenne die Inhaber persönlich. Für Radreisende empfehle ich besonders Unterkünfte, die Fahrrad-Infrastruktur verstehen: sicherer Abstellplatz, Werkzeug, frühe Frühstückszeiten.

Pension Stari Grad (Počitelj): Familiengeführt, 5 Zimmer, Frühstück mit selbstgemachtem Käse und Honig aus dem eigenen Garten. Doppelzimmer ca. 45 €. Fahrradstellplatz im Innenhof. Kontakt über lokale Tourismus-Büros in Mostar.

Sobe Begić (Stolac): Stolac ist eine der am wenigsten besuchten Städte der Herzegowina — und hat eine der schönsten osmanischen Altstädte. Die Familie Begić vermietet 3 Zimmer, kocht auf Anfrage Bosanski Lonac. Doppelzimmer ca. 35 €.

Agroturistika Vukoje (Trebinje): Direkt am Weingut Vukoje — Übernachtung, Weinverkostung, Frühstück mit lokalen Produkten. Doppelzimmer ca. 55 €. Reservierung empfohlen.

Was du auf keiner Radtour in der Herzegowina verpassen solltest

Es gibt Dinge, die kein Reiseführer dir sagt — weil sie sich nicht planen lassen. Aber ich sage dir, wo du sie findest:

  • Bosnischen Kaffee in einem Privathaus trinken: Wenn dich jemand einlädt — geh rein. Kaffee ablehnen ist unhöflich. Und dieser Kaffee, aus dem Kupfer-Džezva, mit Lokum dazu, ist besser als alles, was du in einem Café bekommst.
  • Den Geruch des Karstgebirges morgens: Thymian, Salbei, Ziegenmilch — das riecht man nur, wenn man langsam fährt.
  • Einen Markt in Stolac oder Ljubuški: Keine Touristenware. Echte Bauern, echte Produkte, echte Preise.
  • Sonnenuntergang über dem Popovo Polje: Die Karstsenke leuchtet abends in einem Orange, das ich noch nie woanders gesehen habe.

FAQ — Radfahren in der Herzegowina

Kann ich in der Herzegowina ein Fahrrad mieten?

Ja, in Mostar gibt es mehrere Verleihstationen, u.a. im Hostel Miran (Bulevar bb) für ca. 15–20 € pro Tag. In kleineren Orten ist Fahrradverleih selten — besser eigenes Rad mitbringen oder in Mostar mieten und per Taxi/Bus zum Startpunkt bringen lassen.

Sind die Straßen in der Herzegowina fahrradtauglich?

Die Hauptstraßen haben wenig Radinfrastruktur, aber die Nebenstraßen und Feldwege sind ideal — wenig Verkehr, gute Oberflächen. Ein Trekkingrad oder Gravelbike ist empfohlen. Rennräder sind auf Schotterwegen nicht geeignet.

Gibt es Minengefahr auf Radwegen in der Herzegowina?

In der Herzegowina (Mostar, Neretva-Tal, Trebinje) ist das Minenrisiko auf befestigten Wegen sehr gering. Trotzdem gilt: Wege nie verlassen, besonders in abgelegenen ländlichen Gebieten. Die aktuellen Minenkarten findest du beim BHMAC (Bosnian Mine Action Centre).

Wie viele Tage brauche ich für eine Radreise durch die Herzegowina?

Für die Kernroute Mostar–Blagaj–Počitelj–Stolac–Trebinje empfehle ich mindestens 4–5 Tage. Wer auch das Neretva-Delta einschließen möchte, plant besser 7 Tage ein. Tagestouren ab Mostar sind ab einem Tag möglich.

Was kostet eine Radreise in der Herzegowina täglich?

Mit Übernachtung in Familienpensionen (35–55 €), Mahlzeiten (10–15 € täglich) und Getränken kommt man auf ca. 60–80 € pro Tag — deutlich günstiger als vergleichbare Reisen in Westeuropa. Fahrradmiete zusätzlich ca. 15–20 € pro Tag.

Brauche ich für die Herzegowina ein Visum?

Nein. Bürger aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und der gesamten EU reisen visumfrei ein — bis zu 90 Tage. Ein Personalausweis genügt, kein Reisepass nötig.

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Mein Fazit nach unzähligen Touren durch die Herzegowina: Das Fahrrad ist nicht das schnellste Fortbewegungsmittel. Aber es ist das ehrlichste. Du riechst den Thymian. Du hörst die Grillen. Du trinkst Kaffee bei Menschen, deren Namen du dir merkst — weil du Zeit hattest, nach ihnen zu fragen. Die Herzegowina öffnet sich nicht dem, der durchrauscht. Sie öffnet sich dem, der anhält. Und das Fahrrad ist die beste Ausrede, die ich kenne, um anzuhalten.

Tea Jurić, Mostar — M.A. Kulturanthropologie, Gründerin einer Eco-Tour-Plattform mit 35 Familienpensionen in der Herzegowina

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