Schamanische Spuren in Bosnien
Alte Bräuche, Riten und das lebendige Erbe zwischen Derwisch und Dorfmagie
Autor: Frederik Jansen
Was "schamanisch" in Bosnien wirklich bedeutet
Das Wort Schamanismus klingt nach Sibirien, nach Trommel und Trance. In Bosnien wäre das eine Vereinfachung, die dem Land nicht gerecht wird. Was ich meine, wenn ich von schamanischen Spuren spreche, ist etwas Subtileres: ein Geflecht aus vorislamischen Volksglauben, osmanisch-sufischer Mystik und slawischer Naturmagie, das sich über Jahrhunderte ineinandergewoben hat — und das heute, im 21. Jahrhundert, noch immer lebt. Nicht als Museum. Als Praxis.
In meinen fünf Reisen durch Bosnien und Herzegowina habe ich gelernt, dass die religiösen Grenzen, die auf Landkarten und in Geschichtsbüchern so scharf wirken, im Alltag der Dörfer durchlässig sind. Eine alte Frau in Lukomir, bei der ich 2024 mehrere Wochen in der Pension wohnte, zündete jeden Morgen eine Kerze an — nicht für Allah, nicht für Christus, sondern "für das Haus". Für die Stille, die darin wohnt. Für das, was schon da war, bevor irgendjemand einen Namen dafür hatte.
Die Stećci — Steine die schweigen und trotzdem sprechen
Wer die schamanischen Spuren Bosniens verstehen will, beginnt am besten bei den Stećci: den mittelalterlichen Grabsteinen, die zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert entstanden und seit 2016 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören. Über 70.000 dieser monolithischen Steine verteilen sich über BiH, Kroatien, Serbien und Montenegro — die größte Konzentration liegt in Herzegowina und Mittelbosanien.
Was diese Steine so faszinierend macht: Ihre Symbolik lässt sich keiner bekannten Religion eindeutig zuordnen. Spiralen, Halbmonde, Sonnenräder, tanzende Figuren, Jagdszenen — auf manchen Stećci begegnen dir Motive, die gleichzeitig an keltische, slawische und frühchristliche Ikonographie erinnern. Archäologen streiten bis heute, welcher Glaubensgemeinschaft die Bogomilen — eine mittelalterliche dualistische Bewegung — tatsächlich angehörten. Manche Forscher sehen in ihnen die Hauptauftraggeber der Stećci, andere widersprechen.
Ich stand 2024 lange auf dem Nekropolis von Radimlja bei Stolac, einem der eindrucksvollsten Stećci-Felder in ganz BiH. Es war früher Nachmittag, das Licht flach und golden. Kein anderer Mensch weit und breit. Und ich hatte dieses seltsame Gefühl, das ich nur in wenigen Orten der Welt kenne: dass der Ort selbst eine Meinung hat. Dass er dich beobachtet.
Radimlja — praktische Infos
- Lage: 3 km westlich von Stolac, Herzegowina (GPS: 43.0770° N, 17.9440° E)
- Eintritt: frei
- Beste Fotozeit: 1–2 Stunden vor Sonnenuntergang — das Licht streift die Reliefs perfekt
- Anreise: Nur mit eigenem Fahrzeug sinnvoll, kein öffentlicher Bus
- Kombination: Gut kombinierbar mit Počitelj (15 km) und Blagaj (30 km)
Tekijen und Derwische — der Sufismus als lebendige Mystik
Als ich das erste Mal vor der Tekija in Blagaj stand — diesem weißen Klosterbau, der sich direkt an die Felswand schmiegt, aus der die Buna-Quelle mit einer Schüttung von bis zu 43 m³ pro Sekunde herausschießt — verstand ich sofort, warum die Derwische genau diesen Ort gewählt hatten. Es gibt Orte, die Kraft aus sich selbst heraus erzeugen. Blagaj ist einer davon.
Die Tekija von Blagaj gehört dem Mevlevi-Orden, den sogenannten "tanzenden Derwischen", und stammt in ihrer heutigen Form aus dem 17. Jahrhundert — obwohl die Überlieferung behauptet, dass bereits im 16. Jahrhundert hier ein Kloster stand. Der Sufismus, der hier praktiziert wird, ist keine folkloristische Attraktion. Er ist eine lebendige spirituelle Tradition, die im Kern mystische Elemente enthält, die westliche Beobachter gelegentlich als "schamanisch" beschreiben: die Auflösung des Ego im Dhikr (dem rituellen Gottesgedenken), die Vorstellung eines direkten, körperlichen Zugangs zur göttlichen Energie, die Rolle des Scheichs als spiritueller Mittler.
Der Eintritt in die Tekija kostet 5 KM (ca. 2,50 €). Du bekommst einen Umhang, wenn deine Kleidung die Schultern nicht bedeckt. Ich empfehle, früh morgens zu kommen — gegen 8:30 Uhr, bevor die Tagesausflügler aus Mostar eintreffen. In der Stille des frühen Morgens, mit dem Rauschen des Flusses als einzigem Hintergrundgeräusch, bekommst du einen Eindruck davon, was dieser Ort für die Menschen bedeutet, die hier beten.
Weniger bekannt, aber mindestens so beeindruckend: die Tekija in Sarajevo, im Stadtteil Bistrik. Kleiner, stiller, ohne Touristen. Hier finden an bestimmten Abenden noch heute Dhikr-Zeremonien statt. Wer respektvoll fragt — und das ist der Schlüssel, immer respektvoll fragen — kann manchmal zuschauen.
Zapis, Bajanje und die Magie der alten Frauen
Die islamische Überformung Bosniens hat eine ältere Schicht nie ganz überdeckt. In den Dörfern der Dinariden lebt ein Volksglauben weiter, der Ethnologen seit dem 19. Jahrhundert fasziniert. Zwei Praktiken stechen dabei heraus:
Zapis sind heilige Bäume — meist alte Eichen oder Linden —, die als Schutzgeister eines Dorfes oder einer Familie verehrt werden. An ihnen werden Stoffstreifen, Münzen oder kleine Votivgaben befestigt. Die Tradition ist vorislamisch, wurde aber nie wirklich aufgegeben. In manchen Dörfern der Herzegowina habe ich Zapis-Bäume gesehen, an denen frische Bänder hingen — nicht als Touristenattraktion, sondern als echte Praxis lebender Menschen.
Bajanje ist die Kunst des Beschwörens und Heilens durch Sprache. Alte Frauen — Bajalice genannt — kennen Formeln gegen Krankheiten, gegen den bösen Blick (Urok), gegen Angst. Diese Formeln werden mündlich weitergegeben, oft von Großmutter zu Enkelin, und mischen islamische Phrasen mit vorislamischen Elementen so selbstverständlich, dass eine Trennung sinnlos wäre.
Ich hatte das Glück, in Lukomir eine ältere Frau kennenzulernen — ich nenne sie hier nur Hatidža, sie wollte nicht namentlich zitiert werden —, die mir erklärte, wie sie Kopfschmerzen behandelt: mit warmem Wasser, einer speziellen Atemtechnik, geflüsterten Worten und dem festen Glauben, dass Schmerz eine Botschaft ist, die man hören muss, bevor man sie wegschickt. Ob das Schamanismus ist? Ethnologisch gesehen: ja, zumindest strukturell. Für Hatidža war es einfach das, was man tut.
Lukomir — wo die Zeit langsamer wird
Das Bergdorf Lukomir auf 1.469 m Höhe, am Rand des Bjelašnica-Plateaus, ist der Ort in Bosnien, an dem ich dem beschriebenen Erbe am nächsten gekommen bin. Das Dorf ist von Oktober bis Mai durch Schnee von der Außenwelt abgeschnitten. Die rund 20 Familien, die hier permanent leben, praktizieren eine Form des Lebens, die in Westeuropa seit Generationen verschwunden ist.
Die Häuser aus Stein und Holz, die Schafe auf den Sommerweiden, die Art, wie die Männer abends zusammensitzen und Kaffee trinken, ohne auf Uhren zu schauen — all das erzeugt eine Atmosphäre, die ich als Fotograf nur schwer in Bilder übersetzen kann, ohne sie zu verfälschen. Manche Dinge lassen sich nicht komprimieren.
Wenn du nach Lukomir gehst — und ich empfehle dir dringend, dort zu übernachten statt nur einen Tagesausflug zu machen —, dann geh ohne Agenda. Frag, ob du beim Teekochen helfen kannst. Lern die zwei, drei bosnischen Wörter, die zeigen, dass du es ernst meinst. Die Geschichten kommen dann von selbst.
„In Lukomir habe ich verstanden, dass Slow Travel kein Reisestil ist, sondern eine Haltung. Du musst bereit sein, nichts zu verpassen — weil nichts zu verpassen ist."
— Frederik Jansen, aus dem Manuskript zu Stille Berge, Hatje Cantz 2025
Blidinje und die Kraft der Hochebene
Wer von Lukomir weiterfährt, erreicht nach rund zwei Stunden die Blidinje-Hochebene im Westen der Herzegowina, auf etwa 1.200 m Höhe. Hier liegt der Blidinje-See, umgeben von den Bergmassiven Čvrsnica und Vran. Die Landschaft ist karg, fast arktisch im Winter, und von einer Weite, die das Denken verändert.
In der Nähe des Sees stehen einige der eindrucksvollsten Stećci Bosniens. Und es gibt eine kleine Franziskanerkirche — Crkva Uznesenja Blažene Djevice Marije —, die zu einem der wichtigsten Wallfahrtsorte der bosnischen Katholiken geworden ist. Auch das ist Teil des spirituellen Mosaiks: Franziskaner, die in osmanischer Zeit das Christentum in Bosnien am Leben hielten, oft durch Kompromisse und Anpassungen, die aus westeuropäischer Perspektive unorthodox wirken.
Die Überschneidungen zwischen den Glaubenswelten sind in Blidinje mit Händen zu greifen. Ein muslimischer Bauer aus dem Dorf Duvno erzählte mir, dass seine Familie seit Generationen an Mariä Himmelfahrt zur Kirche geht — nicht aus Überzeugung, sondern weil "das so ist". Weil der Ort es verlangt.
Praktische Informationen für deine Reise
| Ort | Highlight | Beste Zeit | Eintritt / Kosten |
|---|---|---|---|
| Tekija Blagaj | Mevlevi-Derwischkloster, Buna-Quelle | Ganzjährig, früh morgens | 5 KM (~2,50 €) |
| Radimlja (Stolac) | Stećci-Nekropolis, vorislamische Symbolik | Frühling / Herbst | Frei |
| Lukomir | Lebendiges Bergdorf, Volksmagie, Stille | Juni–September | Pension ca. 30–40 € / Nacht |
| Blidinje-See | Stećci, Wallfahrtskirche, Hochebene | Mai–Oktober | Frei (Camping 10–15 €) |
| Tekija Bistrik (Sarajevo) | Sufistische Zeremonien, kein Tourismus | Ganzjährig | Frei (Spende erwünscht) |
Anreise: Flug nach Sarajevo (SJJ), dann Mietwagen. Für Lukomir und Blidinje ist ein Allradfahrzeug oder zumindest ein Fahrzeug mit guter Bodenfreiheit empfohlen — besonders nach Regenfällen. Die Straße nach Lukomir ist unbefestigt auf den letzten 4 km.
Sprache: In den Bergdörfern kein Englisch. Etwas Bosnisch oder Serbokroatisch macht einen enormen Unterschied. Wenigstens: Hvala (Danke), Dobar dan (Guten Tag), Molim (Bitte).
Respekt: Fotografiere Menschen nie ohne Erlaubnis. Gerade in spirituellen Kontexten ist das nicht verhandelbar. Frag immer, lächle, warte auf ein Ja.
FAQ — Häufige Fragen zu schamanischen Riten in Bosnien
Gibt es in Bosnien wirklich noch schamanische Praktiken?
Ja — nicht unter diesem Namen, aber strukturell eindeutig. Volksmagie (Bajanje), heilige Bäume (Zapis), Amulette gegen den bösen Blick und synkretistische Heilpraktiken alter Dorfheilerinnen sind in ländlichen Regionen der Herzegowina und Mittelbosaniens noch heute lebendig. Sie werden nicht touristisch vermarktet, sondern still praktiziert.
Was sind Stećci und wo finde ich sie?
Stećci sind mittelalterliche Grabmonumente (12.–16. Jh.) mit rätselhafter Symbolik, die seit 2016 UNESCO-Weltkulturerbe sind. Die beeindruckendsten Nekropolen liegen bei Radimlja (Stolac), Boljuni und auf der Blidinje-Hochebene. Eintritt überall frei, Besuch mit eigenem Fahrzeug empfohlen.
Kann ich eine Derwisch-Zeremonie in Bosnien besuchen?
Die Tekija in Blagaj ist täglich geöffnet (Eintritt 5 KM). Aktive Dhikr-Zeremonien finden in der Tekija in Sarajevo-Bistrik statt — Termine variieren, am besten direkt vor Ort nachfragen. Respektvolles Verhalten und angemessene Kleidung sind Voraussetzung.
Ist Lukomir ganzjährig erreichbar?
Nein. Das Dorf auf 1.469 m ist von etwa Oktober bis Mai durch Schnee abgeschnitten. Die beste Reisezeit ist Juni bis September. Eine Übernachtung in einer der kleinen Pensionen (ca. 30–40 € pro Nacht) ist einem Tagesausflug deutlich vorzuziehen.
Welche Bücher helfen mir, mich vorzubereiten?
Mehmed Selimovićs Roman Der Derwisch und der Tod ist das literarische Schlüsselwerk zum Sufismus im osmanischen Bosnien. Ethnologisch empfehlenswert: die Arbeiten von Ivo Andrić über bosnische Volkskultur. Und natürlich — ohne Eigenwerbung geht es nicht — mein Bildband Stille Berge — Bosnien in Bildern (Hatje Cantz, 2025), der auch ethnografische Texte enthält.
Ist es respektlos, diese Praktiken als "schamanisch" zu bezeichnen?
Das ist eine berechtigte Frage. In der Wissenschaft wird der Begriff "Schamanismus" für bosnische Volksmagie selten verwendet — Ethnologen bevorzugen "synkretistischer Volksglauben" oder "magisch-religiöse Praktiken". Den Begriff hier zu verwenden, ist eine Annäherung für westliche Leser, keine Kategorisierung. Die Menschen, die diese Traditionen leben, würden sich selbst meist als Muslime oder Christen bezeichnen — und das ist die Wahrheit, die zählt.
Mein Fazit nach fünf Reisen
Bosnien ist das spirituell komplexeste Land, das ich je bereist habe. Nicht weil es so viele Religionen hat — das haben andere Länder auch —, sondern weil die Grenzen zwischen ihnen so seltsam, so schön, so menschlich durchlässig sind. Die schamanischen Spuren, die ich beschreibe, sind keine Exotik und kein Relikt. Sie sind das, was entsteht, wenn Menschen über Jahrhunderte mit dem gleichen Berg, dem gleichen Fluss, dem gleichen Wald zusammenleben — und wenn keine Ideologie stark genug war, diese Beziehung ganz zu tilgen.
Wenn du nach Bosnien reist, um diese Schicht zu spüren, dann brauchst du vor allem eines: Zeit. Nicht zwei Tage, nicht eine Woche. Komm für mindestens zehn Tage. Übernachte in Lukomir. Steh früh auf in Blagaj. Sitz abends mit alten Männern zusammen und trink Kaffee, ohne zu wissen, worüber ihr reden werdet.
Das Wissen kommt dann von selbst. Wie bei allem, das wirklich wichtig ist.