Sevdah mit Damir Imamović — ein Hauskonzert

Wenn Bosniens wichtigster Sevdah-Musiker in einem Wohnzimmer in Sarajevo singt

Autor: Tea Jurić

Was ist Sevdah — und warum klingt er im Wohnzimmer anders?

Sevdah ist keine Musikgattung, die man „genießt". Man wird von ihr ergriffen. Das Wort selbst kommt aus dem Arabischen — sawdā, schwarze Galle, Melancholie — und bezeichnet eine Emotion, die irgendwo zwischen Sehnsucht, Schmerz und Zärtlichkeit liegt. Bosnische Großmütter sagen: „Ko nije osjetio sevdah, nije živio." Wer keinen Sevdah gespürt hat, hat nicht gelebt.

Ich habe Sevdah in Konzertsälen gehört, auf Festivals, in Kaffeehäusern. Aber erst als ich 2023 zum ersten Mal bei einem dieser kleinen Privatkonzerte von Damir Imamović saß — in einem Wohnzimmer in der Nähe des Stadtteils Bistrik in Sarajevo, kein Mikrofon, keine Bühne, dreizehn Menschen auf Stühlen und einem alten Sofa — verstand ich, worum es wirklich geht. Sevdah war nie für große Säle gedacht. Er war für genau das: enge Räume, gemeinsames Schweigen, die Stimme eines Menschen, die direkt in dich hineingeht.

Wer ist Damir Imamović?

Damir Imamović, geboren 1978 in Sarajevo, ist der Enkel von Zaim Imamović — einem der bedeutendsten Sevdah-Sänger des 20. Jahrhunderts. Aber Damir hat sich nie damit begnügt, das Erbe zu verwalten. Er hat Sevdah neu gedacht: mit Jazz-Harmonien, mit zeitgenössischen Texten, mit einem akademischen Blick auf die Tradition. Sein Buch Sevdah (2016) ist eine der ernsthaftesten ethnomusikal­ischen Auseinandersetzungen mit dem Genre — auf Bosnisch und Englisch erschienen.

International bekannt wurde er durch Auftritte beim Womex, beim Sarajevo Jazz Festival, durch Kollaborationen mit Musikern aus dem Nahen Osten und Europa. Die New York Times nannte ihn einmal „the most important living voice of sevdah". Aber das alles klingt abstrakt, wenn man ihn noch nicht live erlebt hat.

Was Damir von vielen anderen Musikern unterscheidet: Er ist zutiefst neugierig auf das Gespräch. Nach seinen kleinen Konzerten sitzt er einfach da und redet — über die osmanischen Wurzeln eines Liedes, über den Unterschied zwischen einem Sevdah aus Sarajevo und einem aus Tuzla, über das, was verloren geht, wenn Musik nur noch als Touristenattraktion vermarktet wird. Ich habe selten einen Künstler erlebt, der so wenig Distanz zwischen sich und seinen Zuhörern lässt.

Das Konzert: was wirklich passiert

Die Gastgeberin hieß Amra. Sie betreibt keine offizielle Pension, aber sie öffnet gelegentlich ihr Haus für solche Abende — vermittelt über ein kleines Netzwerk, das ich durch meine Arbeit mit Familienpensionen in der Herzegowina kenne. Man sitzt auf Kissen und Stühlen, es gibt Bosanska Kafa und Baklava, und irgendwann — ohne Ansage, ohne Lichtshow — beginnt Damir zu spielen.

Er eröffnete mit „Što te nema" — „Warum bist du nicht hier" — einem der bekanntesten Sevdah-Lieder, aber in einer Version, die ich so noch nicht gehört hatte: langsamer, mit langen Pausen zwischen den Phrasen. Die Stille zwischen den Tönen war fast unerträglich schön. Eine Frau neben mir weinte. Ich kannte sie nicht. Wir haben danach nicht darüber gesprochen — das war auch nicht nötig.

„Sevdah ist keine Musik über Traurigkeit", sagte Damir später beim Kaffee. „Er ist Musik, die dir erlaubt, Traurigkeit zu fühlen, ohne dich dafür zu schämen. Das ist ein Geschenk."

Das Konzert dauerte knapp neunzig Minuten. Kein Setlist, kein Programm. Damir sang, was ihm in den Sinn kam, manchmal unterbrach er sich selbst, um die Geschichte hinter einem Lied zu erzählen. Er erklärte, dass das Lied „Moj dilbere" aus dem 17. Jahrhundert stammt, ursprünglich in einer Mischung aus Bosnisch und osmanischem Türkisch gesungen wurde — ein lebendiges Dokument der Geschichte dieser Region, komprimiert in drei Strophen.

Wie du so ein Erlebnis findest — ehrlich und konkret

Ich werde nicht so tun, als wäre das einfach buchbar wie ein Hop-on-Hop-off-Bus. Das ist es nicht. Und das ist auch gut so.

Damir Imamović gibt gelegentlich solche kleinen Konzerte — teils im Rahmen von Kulturinitiativen, teils über private Netzwerke. Hier sind die realistischen Wege:

  • Sarajevo Cultural Center / Kulturni centar Sarajevo: Veranstaltet regelmäßig Kammerkonzerte und hat Damir mehrfach eingeladen. Programm auf der Website prüfen (vor Reise aktualisieren).
  • Baščaršija Nights (Juli): Das monatslange Kulturfestival in Sarajevos Altstadt umfasst auch intime Konzertformate — manchmal findet sich Damir oder sein Ensemble dort.
  • Jazz Fest Sarajevo (November): Damir tritt regelmäßig auf — hier in einem etwas größeren Rahmen, aber immer noch mit der ihm eigenen Intimität.
  • Direkte Anfrage über Social Media: Damir ist auf Instagram aktiv und antwortet tatsächlich auf Nachrichten — besonders wenn man ehrliches Interesse an der Musik zeigt, nicht nur an einem „Erlebnis für Instagram".
  • Über lokale Kulturvermittler: Wer über mein Netzwerk oder ähnliche Community-based-Tourism-Plattformen reist, kann nach Vermittlung fragen. Solche Abende entstehen oft spontan, wenn jemand in der Stadt ist.

Was ich nicht empfehle: Agenturen, die „Sevdah-Erlebnisse" als Pauschalprodukt verkaufen. Ich habe solche Abende gesehen — professionell inszeniert, mit folkloristischen Kostümen und einem Lächeln für die Kamera. Das hat mit Sevdah so viel zu tun wie ein Schnitzel in einem Flughafenrestaurant mit österreichischer Küche.

Praktische Infos auf einen Blick

Detail Info
Ort Sarajevo (Bistrik, Baščaršija-Umgebung, je nach Gastgeber)
Kosten private Abende Keine feste Eintrittsgebühr; freiwillige Spende üblich (20–40 KM / ca. 10–20 €)
Kosten offizielle Konzerte Ticketpreise je nach Veranstaltung, ca. 15–30 € (Stand 2025, vor Reise prüfen)
Sprache Konzert auf Bosnisch; Damir spricht fließend Englisch für Erklärungen
Beste Reisezeit Ganzjährig; November (Jazz Fest) und Juli (Baščaršija Nights) besonders empfehlenswert
Gruppengröße Private Abende: 8–20 Personen. Offizielle Konzerte: bis 200 Personen
Anreise Sarajevo Flughafen SJJ (Sarajevo International), direkte Flüge aus DE/AT/CH; Innenstadt per Taxi ca. 15 min
Übernachtung Kleine Pensionen in Bistrik oder Baščaršija empfohlen (35–70 € / Nacht)

Was Sevdah über Bosnien erzählt — und warum das für Reisende wichtig ist

Ich bin Anthropologin. Ich kann nicht anders, als Musik als Dokument zu lesen. Und Sevdah ist eines der dichtesten kulturellen Dokumente, die Bosnien-Herzegowina hervorgebracht hat.

Sevdah entstand in den osmanischen Städten — Sarajevo, Mostar, Tuzla — als Ausdruck einer urbanen, multireligiösen Gesellschaft. Die Texte handeln von verbotener Liebe, von Trennung, von der Unmöglichkeit des Glücks. Sie wurden von Muslimen, Christen und Juden gleichermaßen gesungen. Damir betont das immer wieder: Sevdah ist nicht muslimische Musik. Er ist bosnische Stadtmusik — und damit ein Spiegel der Komplexität dieser Region.

Wenn du Bosnien verstehen willst — wirklich verstehen, jenseits der Postkarten-Motive und der Kriegsgeschichte — dann höre Sevdah. Nicht als Tourist, sondern als Zuhörer. Es gibt keinen schnelleren Weg ins Innere dieser Gesellschaft.

Ich habe Reisende erlebt, die nach Mostar kamen, die Brücke fotografierten und wieder fuhren. Und ich habe Reisende erlebt, die in einem Wohnzimmer in Sarajevo saßen und danach sagten: „Jetzt verstehe ich, warum dieses Land so besonders ist." Sevdah macht den Unterschied.

Mein Fazit nach vielen Abenden mit dieser Musik

Ich lebe in Mostar. Ich arbeite täglich mit Menschen, die Bosnien lieben und zeigen wollen. Aber wenn mich jemand fragt, welches Erlebnis ich für unverzichtbar halte — nicht das schönste, nicht das spektakulärste, sondern das, das am tiefsten geht — dann sage ich: ein echter Sevdah-Abend. Nicht in einem Restaurant mit Folklore-Einlage. Sondern so, wie ich ihn bei Damir Imamović erlebt habe: klein, still, ohne Netz.

Damir ist nicht der einzige Träger dieser Tradition. Es gibt andere wunderbare Musiker — Amira Medunjanin, Božo Vrećo, das Ensemble Divanhana. Aber Damir hat für mich etwas, das ich schwer beschreiben kann: eine Ernsthaftigkeit, die nie schwer wirkt. Er singt, als würde er dir etwas anvertrauen. Und das ist genau das, was Sevdah ist — ein Vertrauensakt zwischen Sänger und Zuhörer.

Wenn du das nächste Mal in Sarajevo bist: Frag nach. Klopf an Türen. Sevdah findet dich, wenn du bereit bist.

💶 1 EUR ≈ 1,96 BAM
🗣️ Bosnisch, Kroatisch, Serbisch
MEZ/MESZ (wie Deutschland)
🛂 Kein Visum für EU-Bürger (bis 90 Tage)
🆘 122 Polizei · 123 Feuerwehr · 124 Rettung
Eintrag beanspruchen
Bist du der Inhaber dieses Eintrags? Sende uns deine Daten — wir verifizieren und schalten dir kostenlosen Marketing-Zugang frei.
📍 POI
📎 Datei auswählen oder hier ablegen JPG, PNG, PDF · max. 5 MB
Mit dem Absenden stimmst du unserer Datenschutzerklärung zu.
Wir prüfen deine Anfrage in der Regel innerhalb von 1–2 Werktagen.