Stećci-Restauratoren: Wer die alten Reliefs rettet

Mittelalterliche Grabsteine, lebendige Handwerker — eine Spurensuche durch Bosnien und die Herzegowina

Autor: Tea Jurić

Was Stećci sind — und warum ihre Restaurierung so heikel ist

Stećci (Singular: Stećak) sind mittelalterliche Grabmonumente, die zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen Bosnien und Herzegowina, Serbiens, Montenegros und Kroatiens entstanden. Über 70.000 Exemplare existieren noch — allein in BiH rund 60.000. Seit 2016 stehen 28 Nekropolen auf der UNESCO-Welterbeliste. Die Steine zeigen Reliefs, die bis heute nicht vollständig entschlüsselt sind: Hirsche, Schwerter, Weinreben, tanzende Figuren, Hände, Kreuze und geometrische Muster.

Das Problem: Kalkstein verwittert. Moos, Frost und Regen zerfressen Oberflächen, die Jahrhunderte überstanden haben. Und der menschliche Faktor ist nicht zu unterschätzen — Vandalismus, landwirtschaftliche Maschinen, die zu nah an Nekropolen fahren, und schlicht Unwissenheit haben mehr Schaden angerichtet als manches Erdbeben.

Wer also restauriert diese Steine heute? Ich habe mich auf die Suche gemacht — und bin dabei auf eine kleine, intensive Gemeinschaft von Menschen gestoßen, die mit Hammer, Meißel und einer fast monastischen Geduld arbeiten.

Das Handwerk: Zwischen Archäologie und Steinmetzkunst

Der erste Mensch, den ich zu diesem Thema wirklich verstanden habe, war kein Akademiker, sondern ein Mann namens Miroslav, den ich 2023 auf der Nekropole Radimlja bei Stolac traf. Er kniete vor einem der 133 Stećci dieser Anlage — einem der eindrucksvollsten Grabsteinfelder der Region — und kratzte mit einem Skalpell Flechten aus einer Ritzlinie. Nicht grob, sondern Millimeter für Millimeter.

„Wenn du zu schnell bist, nimmst du den Stein mit", sagte er, ohne aufzuschauen. „Der Stein hat 600 Jahre gewartet. Er wartet auch noch zehn Minuten länger."

Diese Haltung ist bezeichnend für alle Restauratoren, die ich in den letzten Jahren getroffen habe. Die Arbeit an Stećci ist keine Frage des Könnens allein — sie ist eine Frage der Philosophie. Darf man ergänzen, was fehlt? Darf man einen abgebrochenen Arm einer Figur rekonstruieren? Die Antwort, die ich immer wieder höre, ist ein klares Nein — zumindest nicht ohne dokumentarischen Beweis. Was fehlt, bleibt leer.

Die verwendeten Materialien und Methoden

Stećci bestehen meist aus lokalem Kalkstein — demselben Material, das die Herzegowina geologisch prägt. Die Restaurierung folgt dem Prinzip der minimalen Intervention: So wenig wie möglich eingreifen, so viel wie nötig sichern. Konkret bedeutet das:

  • Konsolidierung: Risse werden mit Kalkmörtel oder speziellen Steinkonsolidierungsmitteln (z.B. Paraloid B-72 in Lösung) stabilisiert — nicht geschlossen, sondern gesichert.
  • Biozidbehandlung: Moos und Flechten werden mit pH-neutralen Bioziden abgetötet und dann mechanisch — nie chemisch aggressiv — entfernt.
  • Dokumentation vor allem: Jeder Eingriff wird fotografisch und zeichnerisch dokumentiert. Viele Restauratoren arbeiten heute mit 3D-Scans, um den Ausgangszustand festzuhalten.
  • Keine Farbrestaurierung: Ob Stećci ursprünglich bemalt waren, ist umstritten. Farbspuren wurden gefunden, aber eine Rekonstruktion gilt als wissenschaftlich nicht vertretbar.

Wer heute noch diese Arbeit macht — und wo

Die institutionelle Verantwortung liegt beim Zavod za zaštitu kulturno-historijskog i prirodnog naslijeđa BiH — dem Institut für den Schutz des kulturellen und natürlichen Erbes in Sarajevo. Doch die eigentliche Arbeit auf dem Feld erledigen oft freie Restauratoren und kleine Spezialteams, die projektbezogen engagiert werden.

Zwei Regionen sind besonders aktiv: die Herzegowina rund um Stolac, Blagaj und das Blidinje-Plateau sowie Zentralbosnien mit Nekropolen um Travnik und Visoko. Auf dem Blidinje-Plateau, wo die Nekropole Dugo Polje mit rund 150 Stećci auf 1.200 Metern Höhe liegt, habe ich 2022 ein Team aus drei Personen bei der Arbeit beobachtet. Zwei davon hatten Restaurierungswissenschaften in Sarajevo studiert, einer war gelernter Steinmetz aus dem Konjic-Tal — bekannt für seine Holzschnitzertradition, aber eben auch für Steinarbeit.

Was mich überrascht hat: Es gibt keine formale Ausbildung speziell für Stećci-Restaurierung in BiH. Wer sich spezialisiert, tut das durch Praxis, durch Mentoring und durch internationale Kooperationen — etwa mit dem Getty Conservation Institute oder kroatischen Partnern, die ähnliche Monumente kennen.

Radimlja bei Stolac — das lebendigste Freilichtlabor

Wenn ich Reisenden eine einzige Nekropole empfehlen soll, die sowohl die Schönheit als auch die Fragilität der Stećci zeigt, dann ist es Radimlja, etwa drei Kilometer westlich von Stolac. Die 133 Grabsteine dieser Anlage gehören zu den figürlich reichsten des gesamten Welterbes: Reiter, Hirsche, Hände mit ausgestreckten Fingern, Schwerter und Schilde.

Ich war zuletzt im Frühjahr 2024 dort. Die Anlage ist frei zugänglich (kein Eintritt, Stand 2024 — vor Reise prüfen), liegt direkt an der Straße nach Mostar und ist ausgeschildert. Was mich jedes Mal neu trifft: die Größenunterschiede der Steine. Manche sind kaum kniehoch, andere überragen einen stehenden Menschen. Die Gesellschaft des Todes war offenbar hierarchisch.

Ein Restaurator, der dort regelmäßig arbeitet, erklärte mir, dass Radimlja unter den besser gepflegten Nekropolen BiHs zählt — nicht zuletzt wegen des UNESCO-Status und der damit verbundenen Aufmerksamkeit. Kleinere, abgelegene Nekropolen haben weniger Glück. „Es gibt Steine in der Herzegowina, die noch niemand wissenschaftlich dokumentiert hat", sagte er. „Sie verschwinden langsam, und niemand weiß es."

Dugo Polje auf dem Blidinje-Plateau — Stećci auf 1.200 Metern

Die Nekropole Dugo Polje im Naturpark Blidinje ist ein anderer Fall. Hier liegen die Steine in einer Hochebene, umgeben von Čvrsnica-Massiv und Vran-Berg, auf über 1.200 Metern Seehöhe. Die Witterungsbedingungen sind extrem: Im Winter liegt hier meterhoch Schnee, im Sommer trocknet der Kalkstein unter direkter Sonne aus. Frost-Tau-Wechsel sind der Hauptfeind der Reliefs.

Ich war im September 2022 dort — die Wiesen waren noch grün, der Himmel klar, und die Steine warfen lange Schatten. Es ist einer jener Orte, an denen man unwillkürlich leiser wird. Nicht aus Ehrfurcht im religiösen Sinne, sondern weil die Stille des Plateaus und die Schwere der Steine zusammen etwas erzeugen, das sich nur schwer benennen lässt.

Das Besucherzentrum des Naturparks in Masna Luka (ca. 8 km vom Plateau) kann Informationen zu geführten Touren geben. Wer die Nekropole in Ruhe sehen will, sollte früh morgens oder am späten Nachmittag kommen — dann sind die Reliefs im Streiflicht am besten zu lesen.

„Ein Stećak ist kein Denkmal für die Toten. Er ist ein Spiegel für die Lebenden — der zeigt, was eine Gesellschaft für wichtig hielt, als sie sich verabschiedete." — Miroslav, Restaurator, Stolac 2023

Die neue Generation: Junge Restauratoren zwischen Förderantrag und Feldarbeit

Was gibt es Ermutigendes zu berichten? Tatsächlich einiges. In den letzten Jahren sind jüngere Restauratoren nachgewachsen, die Stećci nicht nur als nationales Erbe, sondern als lebendiges Forschungsfeld verstehen. Einige arbeiten mit Drohnen und Photogrammetrie, um Nekropolen vollständig zu kartieren. Andere kooperieren mit internationalen Universitäten — ich habe 2024 in Mostar eine junge Frau getroffen, die ihre Masterarbeit über die ikonografischen Parallelen zwischen Stećci-Motiven und byzantinischer Grabkunst schrieb.

Das Problem bleibt die Finanzierung. Restaurierungsprojekte laufen oft über EU-Förderprogramme oder internationale Stiftungen — und enden, wenn das Projekt endet. Kontinuierliche Pflege, wie sie ein lebendes Welterbe bräuchte, ist kaum finanziert. „Wir restaurieren, und dann warten wir auf das nächste Projekt", sagte mir ein Restaurator aus Sarajevo. „Dazwischen passiert — nichts."

Das ist die ehrliche Wahrheit hinter den schönen Fotos der Nekropolen: Das UNESCO-Label schützt nicht automatisch. Es schafft Aufmerksamkeit, aber keine Stellen.

Praktische Informationen für Besucher

Nekropole Lage Eintritt Beste Reisezeit Hinweis
Radimlja 3 km westlich Stolac, Straße nach Mostar frei (Stand 2024) April–Oktober Ausgeschildert, Parkplatz vorhanden
Dugo Polje Naturpark Blidinje, ~1.200 m Seehöhe NP-Eintritt ca. 3–5 € (vor Reise prüfen) Mai–Oktober Winterreifen Pflicht Nov–April; Besucherzentrum Masna Luka
Nekropole Umoljani Bjelašnica-Hochebene frei Juni–September Kombination mit Dorfbesuch empfohlen

Wichtiger Hinweis für alle Besucher: Stećci dürfen nicht bestiegen oder als Sitzgelegenheit genutzt werden. Das ist keine bürokratische Regel — es ist eine Frage des Respekts vor einer Grabstätte. Wer fotografiert, sollte Steiflicht (morgens oder abends) nutzen: Die Reliefs sind dann plastischer und die Fotos ehrlicher.

Mein Fazit nach jahrzehntelanger Arbeit mit Handwerkern in der Herzegowina

Ich habe in meiner Arbeit mit Familienpensionen und lokalen Handwerkern immer wieder erlebt, wie viel Wissen in einzelnen Menschen steckt — und wie schnell es verloren geht, wenn niemand es weitergibt. Bei den Stećci-Restauratoren ist das nicht anders. Es sind keine berühmten Figuren, keine Instagram-Stars des Kulturerbes. Es sind Männer und Frauen, die kniend im Gras arbeiten, mit Werkzeug, das sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat.

Was mich jedes Mal neu bewegt: Diese Menschen restaurieren nicht für Touristen. Sie tun es, weil sie glauben, dass Vergessen eine Form von Verlust ist. Und weil der Stein — wenn man ihm zuhört — noch immer etwas zu sagen hat.

Wenn du das nächste Mal vor einem Stećak stehst, nimm dir Zeit. Nicht für das Foto, sondern für den Stein selbst. Lies die Linien. Frag dich, wer hier lag. Und dann denk an die Person, die vor einigen Wochen kniend dafür gesorgt hat, dass du diese Linien noch lesen kannst.

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