Sutjeska-Hirten: Wer noch mit Schafen auf die Hochebenen zieht

Transhumanz im ältesten Nationalpark Bosniens — ein stilles Verschwinden, das noch nicht ganz verschwunden ist

Autor: Frederik Jansen

Früh am Morgen, bevor der Nebel aufsteigt

Es war kurz nach fünf Uhr morgens, als ich das erste Mal das Läuten hörte. Nicht das harte Klingeln von Smartphone-Weckern — sondern Glocken. Tiefes, unregelmäßiges Glockenläuten aus der Richtung des Hangs oberhalb von Tjentište. Ich lag in meinem Schlafsack im Camp Sutjeska (ca. 12 € pro Nacht, Stand 2026), und für einen Moment dachte ich, ich träume.

Ich träumte nicht. Draußen zog Mujo Ćatić, 67 Jahre alt, mit etwa achtzig Schafen den Pfad hinauf zur Hochebene Zelengora. Genauso wie jeden Sommer seit er vierzig Jahre alt ist. Genauso wie sein Vater. Genauso wie dessen Vater vor ihm.

Das ist Transhumanz — das saisonale Wandern mit Tierherden zwischen Tiefland und Hochebene. In den Dinarischen Alpen hat diese Praxis Jahrtausende überdauert. Im Sutjeska-Nationalpark, dem ältesten Nationalpark Bosnien-Herzegowinas (gegründet 1962, 175 km²), ist sie heute eines der letzten lebendigen Zeugnisse einer Welt, die sich auflöst. Langsam. Aber unaufhaltsam.

Was Transhumanz im Sutjeska-Kontext bedeutet

Transhumanz ist kein Folklore-Begriff. Es ist eine präzise Wirtschaftsform: Im Winter leben die Herden in den Tälern, wo der Schnee weniger tief liegt und Futter zugänglich ist. Mit dem ersten Tauwetter — meist Ende Mai, Anfang Juni — beginnt der Aufstieg. Die Hochebenen des Sutjeska-Gebirges, vor allem die Zelengora-Hochfläche (zwischen 1.400 und 1.800 m) und die Hänge unterhalb des Maglić (2.386 m, höchster Gipfel Bosniens), bieten dann monatelang frisches Gras, kühle Temperaturen und Stille.

Im September, wenn der erste Frost die Hochebenen berührt, kehren die Herden zurück. Der Kreislauf schließt sich.

Was sich geändert hat: Früher machten diesen Weg Dutzende Familien. Heute sind es im Einzugsgebiet des Nationalparks noch eine Handvoll. Die Söhne sind in die Städte gegangen — nach Foča, nach Sarajevo, manche nach Deutschland. Das Land bleibt, die Tiere bleiben manchmal auch, aber die Menschen, die den Sommer auf den Hochebenen verbringen wollen, werden weniger.

„Früher waren wir zehn Familien auf der Zelengora. Jetzt bin ich allein dort oben. Das ist kein Problem — ich brauche die Stille. Aber manchmal vermisse ich die Stimmen der anderen." — Mujo Ćatić, Hirte aus der Region Foča

Die Zelengora-Hochebene: Wo der Sommer anders riecht

Ich bin der Herde an jenem Morgen gefolgt — nicht weil ich das geplant hatte, sondern weil Mujo mich einlud, als er mich mit meiner Kamera am Wegesrand stehen sah. „Komm", sagte er auf Bosnisch, und das war alles.

Der Aufstieg zur Zelengora dauert von Tjentište aus je nach Route drei bis vier Stunden. Mit einer Herde, die ihren eigenen Rhythmus hat, sind es fünf. Aber dieser Rhythmus ist der richtige. Die Schafe kennen den Weg besser als jede Karte. Sie weichen um Felsblöcke herum, die ich erst beim zweiten Blick sehe. Sie stoppen an Quellen, die nicht auf der Wanderkarte eingezeichnet sind.

Die Zelengora-Hochebene selbst ist eines der stillen Wunder Bosniens: ein weites, leicht gewelltes Plateau mit Bergseen, Karsttrichtern und Wiesen, die im Juli in einem Grün leuchten, das man in Mitteleuropa kaum noch findet. Keine Düngung, kein Herbizid — nur Regen und Schafe und Zeit. Die Luft riecht nach Thymian und nassem Stein.

Mujos Sommerquartier ist eine einfache Steinkatun — eine traditionelle Hirtenhütte aus unverputztem Kalkstein, mit einem Holzofenherd, einer Pritsche und einem Regal mit Konservengläsern. Keine Elektrizität. Kein Mobilfunknetz. Wasser aus der Quelle zwanzig Meter entfernt.

Ich habe dort zwei Nächte verbracht. Es waren die ruhigsten Nächte meiner fünf Bosnien-Reisen.

Wer diese Hirten noch sind — und wer sie nicht mehr sind

Die verbliebenen Transhumanz-Hirten im Sutjeska-Gebiet sind fast ausschließlich ältere Männer. Mitte fünfzig bis Mitte siebzig. Einige haben Söhne, die gelegentlich helfen — an Wochenenden, wenn die Arbeit in der Stadt es erlaubt. Aber die Kontinuität, die diese Tradition braucht, fehlt.

Es gibt Ausnahmen. Ich habe von einer jungen Frau gehört — Anfang dreißig, aus Gacko —, die den Hof ihrer Großeltern übernommen hat und tatsächlich selbst auf die Hochebene zieht. Ich habe sie nicht getroffen, aber Mujo sprach von ihr mit echtem Respekt. „Die wird es weitermachen", sagte er. „Vielleicht ist sie die Letzte. Vielleicht auch nicht."

Was diese Menschen verbindet: Sie sind keine Romantiker. Sie tun das nicht aus Nostalgie. Die Hochweide ist schlicht die wirtschaftlich sinnvollste Art, ihre Herden zu halten — Futter kostenlos, Tiere gesund, Milch und Käse von höchster Qualität. Der Käse, der in diesen Katuni entsteht, ist kein Markenprodukt. Er wird lokal verkauft, an Nachbarn, manchmal an Restaurants in Foča oder Gacko. Wer ihn einmal gegessen hat, versteht, warum er sich nicht industriell replizieren lässt.

Wie man als Reisender Kontakt findet — und was man mitbringt

Wer diese Welt erleben möchte, muss sich auf Ungewissheit einlassen. Es gibt keine Buchungsplattform für Hirtenhütten auf der Zelengora. Es gibt keine geführten „Transhumanz-Touren" (zumindest keine, die ich empfehlen würde — die meisten, die ich gesehen habe, sind oberflächliche Tagesausflüge ohne echten Kontakt).

Was funktioniert:

  • Nationalpark-Besucherzentrum Tjentište: Die Ranger kennen die aktiven Hirten. Ein ehrliches Gespräch dort — auf Englisch oder mit etwas Bosnisch — öffnet Türen. Eintrittspreis NP: ca. 5 € (Stand 2026, vor Reise prüfen).
  • Frühzeitig ankommen: Mitte Juni bis Ende August ist die aktive Saison auf den Hochebenen. Wer Anfang Juni kommt, kann den Aufstieg der Herden noch miterleben.
  • Zu Fuß gehen: Mit dem Auto kommt man nicht zu den Katuni. Die meisten Hirtenhütten liegen jenseits der Fahrwege. Wanderschuhe, Rucksack, Schlafsack — das ist die Grundausrüstung.
  • Etwas mitbringen: Kaffee, Zucker, Tabak (auch wenn man selbst nicht raucht). Das sind keine Bestechungsmittel — das ist bosnische Gastfreundschaft, die man erwidert.
  • Keine Eile: Wer mit dem Ziel ankommt, in zwei Stunden ein Foto zu machen und wieder zu gehen, wird nichts sehen. Diese Welt öffnet sich nur der Zeit.

Wichtiger Sicherheitshinweis: Das Sutjeska-Gebiet liegt in einer Region mit historischer Minenbelastung. Wege und markierte Pfade dürfen nicht verlassen werden. Konsultiere vor jeder Wanderung abseits bekannter Routen die BHMAC-Karten (Bosnian Mine Action Centre, bhmac.org) und frag im Nationalpark-Besucherzentrum nach aktuellen Informationen.

Was die Fotografie dort lehrt

Ich bin Fotograf. Das ist mein Beruf und mein Blick auf die Welt. Und ich sage ohne Übertreibung: Die Zelengora im frühen Morgenlicht, mit einer Schafherde im Vordergrund und dem Maglić-Massiv dahinter, ist eines der stärksten Motive, die ich in fünf Jahren Bosnien-Fotografie gefunden habe.

Aber das ist nicht das Bild, das mich am meisten bewegt. Es ist das Bild von Mujos Händen, die am Abend den Käse formen. Die Hände eines Mannes, der sein Leben lang dasselbe getan hat — und der das nicht als Verlust begreift, sondern als Form.

Für Fotograf:innen gilt hier dasselbe wie für alle Besucher: Erst fragen, dann fotografieren. Mujo hat mir nach dem ersten Abend erlaubt, alles zu fotografieren. Aber er hat mir das erlaubt, weil ich vorher zwei Stunden zugehört hatte. Das ist die Reihenfolge.

Technisch: Das Licht auf der Zelengora ist am besten zwischen 6 und 9 Uhr morgens und ab 17 Uhr abends. Mittags ist die Hochebene oft von Quellwolken bedeckt — das kann dramatisch sein, macht aber Porträtarbeit schwierig. Ich arbeite dort mit einem 35-mm-Objektiv für Umgebungsbilder und einem 85 mm für Porträts. Wenig Ausrüstung, viel Geduld.

Praktische Informationen für den Besuch

Detail Information
Nationalpark Eintritt ca. 5 € (Stand 2026, vor Reise prüfen)
Camping Tjentište ca. 12 €/Nacht, Basis-Ausstattung, Strom + Sanitär
Beste Reisezeit (Transhumanz) Mitte Juni bis Ende August
Aufstieg Zelengora ab Tjentište ca. 3–5 Stunden, je nach Route und Tempo
Höhe Zelengora-Plateau 1.400–1.800 m
Maglić-Gipfel 2.386 m (höchster Berg BiH), Besteigung 8–10 h
Nächste Versorgung Foča (ca. 35 km), Kalinovik (ca. 40 km) — im NP selbst kaum Einkaufsmöglichkeiten
Mobilnetz Sehr eingeschränkt bis nicht vorhanden auf den Hochebenen
Wildtiergefahr Braunbären vorhanden (~2.800 in BiH) — Lebensmittel sicher verstauen
Minen-Sicherheit Markierte Wege nicht verlassen, BHMAC-Karten konsultieren

Mein Fazit nach fünf Reisen und zwei Nächten in einer Hirtenhütte

Ich habe in meinen Jahren als Reisefotograf viele Orte gesehen, die als „unberührt" oder „authentisch" vermarktet werden und es nicht sind. Die Hochebenen des Sutjeska sind anders. Nicht weil sie perfekt sind — sie sind es nicht. Die Infrastruktur ist minimal, die Wege sind anspruchsvoll, und der Kontakt zu den Hirten erfordert Zeit und Respekt, den nicht jeder mitbringt.

Aber wer diese Zeit investiert, findet etwas, das in Europa selten geworden ist: eine Lebensform, die nicht für Touristen inszeniert wird. Mujo zieht im Juni auf die Zelengora, weil es das Richtige für seine Schafe ist. Nicht für Instagram. Nicht für Reisemagazine. Für die Schafe und für sich.

Das ist das Bosnien, für das ich immer wieder komme. Das stille, das langsame, das echte. Und solange Mujo jeden Sommer den Hang hinaufsteigt, werde ich wiederkommen und zuhören — und dann, wenn er es erlaubt, fotografieren.

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