Vergessene Eisenbahnstrecken in Bosnien
Lost Places für Foto-Liebhaber — Schienen, Tunnel und stille Viadukte
Autor: Tea Jurić
Warum Bosniens alte Bahnstrecken so außergewöhnlich sind
Es war 2023, an einem Septembermorgen irgendwo zwischen Konjic und Jablanica, als ich zum ersten Mal auf den alten Gleisen der Ćiro stand — so nennen die Einheimischen liebevoll die ehemalige Schmalspurbahn, die Bosnien von 1891 bis 1976 durchzog. Der Nebel lag noch in den Tälern, die Neretva schimmerte unten blaugrün, und über mir spannte sich ein Viadukt aus österreichisch-ungarischer Bauzeit wie eine Brücke zwischen zwei Welten. Kein Mensch weit und breit. Nur das Knacken von Ästen, Vogelstimmen — und dieses Licht.
Bosnien-Herzegowina hat ein fotografisches Erbe, das kaum jemand kennt: Hunderte Kilometer verlassener Eisenbahninfrastruktur aus zwei Epochen — der k.u.k.-Schmalspurbahn (760 mm Spurweite, ab 1878) und den ambitionierten Tito-Projekten der Nachkriegszeit. Viele dieser Strecken wurden nach dem Krieg 1992–95 nie reaktiviert. Die Natur hat sie seitdem langsam zurückerobert. Was bleibt, ist ein Freilichtmuseum für alle, die abseits der üblichen Routen fotografieren wollen.
Wichtig vorab: Einige dieser Orte liegen in Gebieten, die noch nicht vollständig von Minen geräumt wurden. Verlasse niemals markierte Wege oder Gleisanlagen ohne vorherige Recherche. Die BHMAC-Minengefahrenkarte ist Pflichtlektüre vor jeder Erkundung.
Die Ćiro — Bosniens berühmteste Schmalspurbahn
Die Ćiro (offiziell: Bosnische Ostbahn bzw. später Jugoslawische Schmalspurbahn) verband einst Sarajevo mit der Adria-Küste. Sie war ein Ingenieurskunstwerk: Über 100 Tunnel, unzählige Viadukte, Kurvenradien, die heute noch Eisenbahnfans aus ganz Europa anlocken. Auf der Strecke zwischen Mostar und Sarajevo — vor allem im Abschnitt Konjic–Jablanica — sind die Überreste am zugänglichsten und fotogensten.
Mein persönlicher Favorit: der Viadukt bei Ravne, etwa 12 km nördlich von Konjic (GPS ca. 43.76°N, 17.96°E). Sieben Bögen aus gelbem Stein, dahinter der tiefblaue Jablaničko-Stausee. Morgens gegen 7 Uhr, wenn der Dunst noch über dem Wasser liegt, ist das eine der surrealen Szenen, die ich in meinen vielen Jahren in der Herzegowina je vor der Linse hatte. Kein Filter nötig.
Praktische Infos zum Viadukt bei Ravne
- Anfahrt: Von Konjic auf der M17 Richtung Jablanica, nach ca. 10 km links auf einen unbefestigten Weg; letztes Stück zu Fuß (~20 Min.)
- Bestes Licht: Früh morgens (Goldene Stunde) oder bei Nebel im Herbst (Oktober–November)
- Ausrüstung: Festes Schuhwerk Pflicht, Stativ empfohlen
- Sicherheit: Gleisbereich nicht betreten, nur von außen fotografieren; BHMAC-Karte vorab prüfen
- Übernachtung in der Nähe: Pension Kula in Konjic, ca. 35–45 € pro Nacht
Der verlassene Bahnhof Bradina — Zeitkapsel aus dem Sozialismus
Wer von Konjic weiter Richtung Ivan-Sattel fährt, stößt auf Bradina — ein kleines Dorf, das früher einen wichtigen Haltepunkt der Ćiro beherbergte. Der alte Bahnhof steht noch. Fenster eingeschlagen, Wartesaal mit zersplitterten Holzbänken, an der Wand noch Reste eines jugoslawischen Wandgemäldes. Ich war 2022 zum ersten Mal hier, zusammen mit Mirko, einem Eisenbahn-Enthusiasten aus Konjic, der mir erzählte, dass sein Großvater hier Stationsvorsteher war.
Das Gebäude ist zugänglich, aber baufällig — Betreten auf eigene Gefahr. Für Außenaufnahmen ist es jedoch perfekt: Die alte Bahnhofsarchitektur im k.u.k.-Stil, überwuchert von wildem Wein, mit dem Ivan-Gebirge im Hintergrund. Im Herbst, wenn das Laub rot-orange leuchtet, wird das zu einer Komposition, die sich kein Bildbearbeitungsprogramm der Welt ausdenken könnte.
Die Banovići-Kohlenbahn — Industrieromantik im Nordosten
Weit weniger bekannt, aber für Foto-Liebhaber mindestens genauso lohnend: die Schmalspurbahn im Raum Banovići (Tuzla-Kanton, Nordostbosnien). Hier wurde bis in die 1990er Jahre Kohle transportiert. Die Strecke ist teilweise noch in Betrieb — für touristische Fahrten mit historischen Dampfloks. Das ist einer der wenigen Orte in Bosnien, wo du noch echte Schmalspurdampfloks in Aktion fotografieren kannst.
Die Züge fahren nicht täglich; am besten beim lokalen Bergbauunternehmen RMU Banovići anfragen oder über lokale Tourismusagenturen buchen. Die Fahrt durch die Hügellandschaft des Tuzla-Kantons ist ein Erlebnis, das mich an alte Schwarzweißfotos aus dem Industriebosnien erinnert — nur eben in Farbe und mit Dampf.
Praktische Infos Banovići-Dampfbahn
- Ort: Banovići, ca. 50 km westlich von Tuzla
- Anfahrt: Mit dem Auto von Tuzla via M-18.3, ca. 1 Stunde
- Fahrten: Auf Anfrage / saisonal (Sommer bevorzugt); kein fester Fahrplan für Touristen
- Preis: Gruppenfahrten ab ca. 50–80 KM pro Person (Stand 2024)
- Bestes Motiv: Dampflokomotive vor der Kulisse der hügeligen Waldlandschaft, Gegenlicht am Nachmittag
- Flughafen: Tuzla (TZL) — Wizzair-Verbindungen aus Deutschland
Sarajevo–Pale: Die Bergstrecke mit dem besten Panorama
Eine meiner liebsten, aber selten erwähnten Strecken führt von Sarajevo Richtung Pale und weiter ins Romanija-Gebirge. Die alte Schmalspurbahn folgte hier dem Verlauf der Miljacka-Schlucht, bevor sie sich ins Hochplateau hinaufschraubte. Die Gleise sind längst weg, aber der Trassenverlauf ist als Wanderweg noch erkennbar — und bietet Ausblicke auf Sarajevo, die selbst Einheimische nicht kennen.
Ich führe diese Route gelegentlich mit kleinen Gruppen durch, die ich über meine Eco-Tour-Plattform begleite. Wir starten früh in Sarajevo-Baščaršija, folgen dem alten Bahndamm aufwärts und erreichen nach etwa zwei Stunden einen Aussichtspunkt, von dem aus die Stadt wie ein Teppich im Tal liegt. Im Winter, wenn Schnee liegt und Sarajevo im Dunst verschwindet, ist das schlicht unwirklich schön.
Achtung: Das Romanija-Gebirge gehört zu den Regionen mit noch nicht vollständig geräumten Minenverdachtsflächen. Bitte ausschließlich markierte Wege nutzen und die BHMAC-Karte konsultieren.
Die Strecke Mostar–Čapljina: Herzegowina von ihrer stillen Seite
Südlich von Mostar verlief einst eine Schmalspurlinie entlang der Neretva bis nach Čapljina und weiter. Heute ist die Strecke aufgegeben, aber einzelne Bahnhofsgebäude stehen noch — besonders der alte Bahnhof Čapljina mit seiner verwitterten Fassade und dem verwilderten Vorplatz. Wer von Mostar aus südlich fährt, kann diesen Ort als Zwischenstopp einplanen.
Was diesen Abschnitt besonders macht: die Kombination aus verlassener Bahninfrastruktur und der typischen Herzegowina-Landschaft — Kalksteinhänge, Weinreben, Granatapfelbäume. Im Frühling (April–Mai), wenn die Mandeln blühen, ist das eine Farbpalette, die kaum zu glauben ist.
„Ich habe hier einmal eine alte Frau getroffen, die mir erzählte, dass sie als Kind mit dem Zug nach Mostar gefahren ist, um Schuhe zu kaufen. Heute fährt sie mit dem Bus. Sie hat den Zug vermisst — nicht wegen der Schnelligkeit, sondern wegen der Gesellschaft."
Fotografie-Tipps für verlassene Bahnstrecken in BiH
Nach vielen Touren mit Fotografen — von Hobbyisten bis zu Profis, die für Reisemagazine arbeiten — habe ich ein paar Regeln gelernt, die den Unterschied machen:
- Früh aufstehen ist keine Option, sondern Pflicht. Das Morgenlicht in den bosnischen Tälern ist zwischen 6 und 9 Uhr unvergleichlich — weich, warm, mit langen Schatten. Nachmittags ab 17 Uhr ist es ähnlich gut.
- Nebeltage sind Gold wert. Besonders Oktober und November bringen Nebellagen in den Flusstälern, die verlassene Strukturen in etwas Mystisches verwandeln.
- Weitwinkel für Viadukte, Tele für Details. Die Steinmetzarbeit an den alten k.u.k.-Brücken ist atemberaubend — Nahaufnahmen lohnen sich.
- Menschen einbeziehen. Ein alter Mann, der an einem verlassenen Bahnhof vorbeiläuft — das gibt dem Bild eine Dimension, die kein Architektur-Foto allein erreicht.
- Respekt vor dem Verfall. Nichts mitnehmen, nichts beschädigen. Diese Orte sind Teil des kollektiven Gedächtnisses.
Wann ist die beste Zeit für diese Touren?
| Jahreszeit | Licht & Stimmung | Zugänglichkeit | Empfehlung |
|---|---|---|---|
| Frühling (März–Mai) | Weiches Licht, Wildblumen, Wasserführung hoch | Gut, Wege teils nass | ⭐⭐⭐⭐ |
| Sommer (Juni–Aug.) | Hartes Mittagslicht, grüne Vegetation dicht | Sehr gut | ⭐⭐⭐ |
| Herbst (Sept.–Nov.) | Goldenes Laub, Nebel, perfektes Licht | Gut | ⭐⭐⭐⭐⭐ |
| Winter (Dez.–Feb.) | Schnee, dramatische Kontraste | Eingeschränkt, 4x4 empfohlen | ⭐⭐⭐ |
Meine klare Empfehlung: Oktober ist der beste Monat. Wenig Touristen, Herbstfarben, Nebelstimmung am Morgen — und die Temperaturen sind noch angenehm für lange Fußmärsche.
Praktische Reise-Box: Lost Places Eisenbahn BiH
- Währung: Konvertibilna Marka (KM), 1 € = 1,95583 KM; ländlich Bargeld mitbringen
- Einreise: Personalausweis genügt für EU/D/A/CH
- Mobilität: Mietwagen dringend empfohlen; viele Orte ohne ÖPNV erreichbar
- SIM-Karte: BH Telecom Tourist-SIM, 20 KM / 15 GB / 30 Tage — kein EU-Roaming
- Sicherheit Minen: BHMAC-Karte vor jeder Tour prüfen: bhmac.org
- Übernachtung: Kleine Pensionen in Konjic, Jablanica, Mostar ab 35–50 € / Nacht
- Notruf: 112 (EU-Notruf), Bergrettung 124
- Fotoausrüstung: Stativ, Weitwinkel (16–24 mm), Tele (70–200 mm), Polfilter für Wasserreflexionen
FAQ
Sind verlassene Eisenbahnstrecken in Bosnien legal zugänglich?
Die meisten Trassen verlaufen auf öffentlichem oder staatlichem Grund und sind nicht eingezäunt. Das Betreten von Gebäuden (alte Bahnhöfe) ist rechtlich eine Grauzone und geschieht auf eigene Gefahr. Gleisanlagen selbst sollten aus Sicherheitsgründen nicht betreten werden. Fotografieren von außen ist überall problemlos möglich.
Wie gefährlich ist die Minengefahr bei diesen Touren?
Solange du dich auf befestigten Wegen, Straßen und der unmittelbaren Umgebung von Gleisanlagen (also nicht im Wald oder Unterholz abseits von Wegen) bewegst, ist das Risiko gering. Verlasse niemals markierte Pfade in abgelegenen Gebieten ohne vorherige BHMAC-Abfrage. Die Karte ist kostenlos online abrufbar.
Welche Kamera-Ausrüstung empfiehlt sich für diese Touren?
Ein Weitwinkelobjektiv (16–24 mm) für Viadukte und Tunnel, ein Teleobjektiv (70–200 mm) für Architekturdetails und Dampflok-Aufnahmen in Banovići. Ein stabiles Stativ ist für Morgennebel-Aufnahmen unverzichtbar. Polfilter helfen bei Fluss- und Seereflexionen im Neretva-Tal.
Kann ich diese Orte ohne Führung besuchen?
Die Viadukte bei Konjic und der Bahnhof Bradina sind mit Karte und gesundem Menschenverstand gut eigenständig erreichbar. Für die Strecken im Romanija-Gebirge und für Banovići empfehle ich eine lokale Begleitung — nicht nur aus Sicherheitsgründen, sondern weil du mit einem ortskundigen Guide Motive findest, die du allein nie entdecken würdest.
Gibt es organisierte Foto-Touren zu diesen Orten?
Ja — über meine Eco-Tour-Plattform biete ich kleine Foto-Wanderungen (max. 6 Personen) zu ausgewählten Streckenabschnitten an, hauptsächlich im Herbst. Anfragen gerne direkt über Pure BiH. Außerdem gibt es in Sarajevo einzelne Guides, die Lost-Places-Touren anbieten — Qualität und Sicherheitsstandards variieren jedoch stark.
Was kostet eine Reise zu diesen Orten grob?
Bosnien ist deutlich günstiger als Deutschland — rechne mit etwa 50 % weniger. Pension in Konjic oder Jablanica: 35–50 € pro Nacht. Essen im lokalen Restaurant: 5–12 € pro Hauptgang. Mietwagen ab Sarajevo: ab ca. 25–35 € pro Tag. Eine 3-Tages-Tour zu den wichtigsten Strecken ist für unter 200 € pro Person gut machbar.
Mein Fazit nach unzähligen Touren durch diese Landschaft
Ich bin seit meiner Kindheit in Bosnien unterwegs — und die verlassenen Eisenbahnstrecken gehören zu den Orten, die mich immer wieder überraschen. Nicht wegen ihrer Spektakularität, sondern wegen ihrer Stille. Sie erzählen von einem Land, das mehrmals neu anfangen musste. Von Ingenieuren, die Berge bezwangen. Von Menschen, die mit dem Zug zur Arbeit fuhren, Hochzeiten feierten, Kinder großzogen — und die all das mit dem Ende der Bahn verloren haben.
Wenn du als Fotograf nach Bosnien kommst und nur die Stari Most und Baščaršija fotografierst, verpasst du das eigentliche Gesicht dieses Landes. Die alten Schienen im Moos, ein verwittertes Bahnhofsschild, das Licht durch einen Tunnel am Morgen — das ist Bosnien, wie es wirklich ist.